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nach fast allgemeiner Anschauung die Krönung des Baues bedeutete: dieReichsbank.
Am 16. November begann die erste Lesung des Bankgesetz-Entwurfs.
Man wußte von vornherein, daß die Frage der Reichsbank aus-schlaggebend für das Schicksal der Vorlage sein werde. Es bestandenwohl Meinungsverschiedenheiten prinzipieller Art auch hinsichtlich andererwichtiger Punkte, namentlich in der Frage der indirekten Kon-tingentierung des Notenumlaufs, aber schon in der bisherstattgehabten öffentlichen Diskussion des Entwurfes waren diese Punktegegenüber der Frage der Reichsbank völlig in den Hintergrund getreten.
Die Freunde sowohl, wie die Gegner einer Reichsbank setzten sichaus verschiedenartigen Elementen zusammen; aus Persouen und Gruppen,die hauptsächlich von politischen Motiven geleitet wurden, und aus solchen,für deren Stellungnahme wirtschaftliche Gründe ansschlaggebeud waren.Den Freunden der Reichseinheit war der Gedanke einer Reichsbank vonvornherein ebenso sympathisch, wie er den Partikularisten autipathischwar; die deutsch -national gesinnten Parteien, namentlich die National-liberalen und die Reichspartei, konnten deshalb von vornherein als sicherfür die Reichsbank gelten, während man fast mit derselben Sicherheitauf die Gegnerschaft der vartikularistischen Parteien und Gruppen,namentlich des Centrums, zählen konnte.
In wirtschaftlicher Beziehung standen sich schroff zwei Ansichtengegenüber: diejenige, nach welcher eine Centralbank zur Durchführungund Aufrechterhaltung der Goldwährung und zur Überwachung desGeldverkehrs eine unbedingte Notwendigkeit war; daneben jene andereRichtung, welche die Schwärmerei für unbedingte Bankfreiheit, wie siein den fünfziger Jahren herrschte, als wichtigen Bestandteil des wirt-schaftlichen Liberalismus konserviert hatte.
Es scheint, daß man es in Regierungskreisen für zweifelhaft hielt,wie die Entscheidung des Reichstags ausfallen würde. Mit großerSpannung sah man dem Verlauf der Dinge entgegen. Sogar FürstBismarck , der während der Debatten über die Münzgesetzgebung spa-zieren zu reiten pflegte, erschien zum Beginn der Verhandlungen.
Delbrück ergriff zuerst das Wort und erläuterte in ausführlicherRede die Grundzüge des Entwurfs. Er bemerkte dabei, der Gedankeeiner Reichsbank sei dem Reichskanzleramt „nichts weniger als anti-pathisch" gewesen, aber wegen der Schwierigkeit einzelner Fragen, wie
Helsferich, Geschichte der Geldreform. 19