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Das Pari zwischen der englische» und deutschen Valuta war aller-dings vor der Mttnzreform ein schwankendes. Da Deutschland Silber-währung, England Goldwährung hatte, war es abhängig von den Ver-änderungen des Wertverhältnisses zwischen Silber und Gold. Aber vondieser für jeden Augenblick genau feststellbaren Parität konnte uuternormalen Verhältnissen der jeweilige Wechselkurs nur um etwa IVs Silber-groschen abweichen, denn diese Abweichung genügte, die Versendung vonSilber von oder nach Deutschland lohnend zu machen.
Unter normalen Verhältnissen hätte also selbst das stärkste Angebotvon Auslandswechseln seitens der Reichsregierung keine ungewöhnlicheErschütterung der ausländischen Wechselkurse, sondern nur einen außer-ordentlichen Zufluß von Silber herbeiführen können, wie er bereits imzweiten Quartal 1871 begounen hatte.
Aber gerade dieser Silberzufluß, welcher die zur engen Begrenzungder Wechselkurs-Schwankungen notwendige Ausgleichung darstellte, warseit dem 3. Juli durch die Aufhebung der freien Silbervräguug unmög-lich gemacht. Sobald das Silber nicht mehr zu einem annähernd festenPreis durch Eiulieferung bei der Münzstätte unmittelbar in deutschesGeld verwandelt werden konnte, war die Bedeutung des Silberimportsfür die Regulierung der Wechselkurse aufgehoben. Jetzt konnte das Silberuur uoch wie jede andere Ware auf dem Wege des Verkaufs auf demoffenen Markte zu beliebig schwankenden Preisen und in einein durch denBedarf an Silberbarren begrenzten Umfang gegen deutsches Geld um-gesetzt werden.
Dadurch aber, daß das Silber seineu annähernd festen Preis indeutschem Geld verlor, war die deutsche Valuta von der Verbindung mitdem Silberwert losgetrennt; da für diese Verbindung zunächst kein Er-satz geschaffen wurde (durch Angliederuug der deutschen Valuta an dasGold), war gleichzeitig jede Parität mit den ausländischen Valuten zer-stört: die deutsche Valuta war eine „freie Valuta" ^ geworden, siekonnte sich unbegrenzt über ihre Silberparität erheben, und die Wechsel-kurse auf das Ausland konnten unbegrenzt sinken.
Auf Grund dieser Verhältnisse bewirkte in der That das starke An-gebot von Auslandswechseln seitens der Reichsregierung binnen kurzerZeit einen solchen Rückgang der ausländische,? Wechselkurse, wie er bis
i Über die Terminologie siehe meinen Aufsatz: „Außenhandel und Valuta-schwankungen". Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung u. Volkswirtschaft XXI, L. S. 2.