Teil eines Werkes 
1 (1898) Geschichte der deutschen Geldreform / von Karl Helfferich
Entstehung
Seite
335
Einzelbild herunterladen
 

Die ersten kleineren Goldbeziige, welche Ende Juli oder AnfangAugust begannen, fanden kaum Beachtung. Dagegen trat eine starkeBeuuruhiguug ein, als die Reichsregierung in der zweiten September-hälfte größere Beträge von Gold direkt aus der Bank von England entnehmen ließ. Die Bank von England hatte bisher die größte Sorg-losigkeit an den Tag gelegt und einen Diskont von nur 2°,o gehalten.Es scheint nun ihren Direktoren plötzlich klar geworden zu sein, daßein großer Teil des Goldvorrats aus Depositen von Banken bestand, anwelche Deutschland erhebliche Forderungen hatte. Die Gefahr einerplötzlichen Zurückziehung dieser Guthaben veranlaßte eine vom Geldmarkt,der über diese Verhältnisse im unklaren war, nicht erwartete Diskont-erhöhung um 1°/» (am 20. September). Diese Maßregel rief Erstaunenund, da man ihre Gründe nicht kannte, ein Gefühl der Unsicherheithervor. Man begann weitere Diskonterhöhungen zu fürchten, steigertedeshalb die Wechseleinreichungen und nötigte so die Bank, ihren Diskontweiter zu erhöhen. Am 7. Oktober war ein Diskont von 5"/<- erreicht.Erst allmählich legte sich die Aufregung und man begann in England zuerkennen, daß es nicht das Ziel der Reichsregierung sei, den englischenGeldmarkt in eine Krisis zu stürzen, sondern die zur Erleichterung desdeutschen Wechselmarktes notwendigen Goldbezüge unter der möglichstenSchonung des Londoner Marktes durchzuführen.

Diesen ihren eigentlichen Zweck erreichten die Goldbezüge in vollemUmfang. Sie verhinderten nicht nur ein weiteres Sinken der aus-wärtigen Wechselkurse, sondern sie führten sogar zu einer Steigerung.Während die Abweichung der Kurse auf London von der Parität imDurchschuitt des September mehr als 5 Silbergroschen betragen hatte,zeigte der November nur noch eine Abweichung von l^/i« Silbergroschen ^,eine Abweichung, die innerhalb der normalen Grenzen blieb.

Außerdem hatten die Goldbezüge die Wirkung, daß die Reichs-regierung, als dem Bundesrat im Oktober 1871 der Entwurf einesGesetzes, betreffend die Ausprägung von Reichsgoldmünzen, vorgelegtwurde, sich bereits im Besitz eines starken Goldvorrates befand, der bei demhohen Stand der deutschen Valuta zu überaus günstigen Preisen erworbenworden war 2. Die gesamte während der zweiten Hälfte des Jahres

1 Siehe Beiträge: Tabelle S. 446.

2 An dem im Jahre 1872 zur Ausmünzung gelangenden Golde wurde infolgedes günstigen Kaufpreises ein durchschnittlicher Bruttogewinn von 15,83 Mark proPfund fein erzielt. Siehe Beiträge S. 243.