Teil eines Werkes 
1 (1898) Geschichte der deutschen Geldreform / von Karl Helfferich
Entstehung
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liche Ansprüche an den Geldmarkt. Wenn die Fülle von Barmitteln,welche sich damals über den deutschen Markt ergoß, ihrerseits zur Über-auspannuug der Produktion und Spekulation mitwirkte, so absorbierteauf der andern Seite die fieberhafte Thätigkeit der gesamten Volkswirt-schaft mit Leichtigkeit die gewaltigen Summen, welche damals demdeutschen Umlauf zuflössen. Solauge der Aufschwung anhielt, war inDeutschland ein der ungewöhnlichen Vermehrung des Geldumlaufs ent-sprechender außerordentlicher Geldbedarf vorhanden, welcher einen gewissenSchutz gegen einen Goldabfluß nach dem Ausland gewährte. Nur fieldiese für die Durchführung des Währungswechsels förderliche Wirkuugdes großen Aufschwungs zeitlich mit der Abtragung der Kriegskosten-Entschädigung zusammen, durch welche allein schon in hinreichender Weiseein solcher Schutz geschaffen war.

Der Börsenkrach im Mai und Juni brachte, infolge des plötzlichentstehenden allgemeinen Mißtrauens, zunächst eine noch stärkere Anspan-nung des Geldmarktes und eine Versteifung der Zinssätze; aber auf dieDauer mußte der Zusammeubruch der Spekulation und die Einschränkungder Umsätze an den Börsen zu eiuer Verminderung des Geldbedarfsführen. Solange jedoch die günstige Konjunktur für Industrie uudHandel vorhielt, konnte die Börsenkrisis keinen wesentlichen Einfluß aus-üben

Der Ausbruch der eigentlichen Absatzkrisis brachte gleichfalls zunächstnoch keine Abnahme, sondern eine Steigerung des Geldbedarfs. Auchhier machte das allgemeine Mißtrauen eine Steigerung der Barmittelerforderlich. Wenn auch die Umsätze geringer wurden, so stellten dochdie Lombardierung der sich häufeuden Lagervorräte, überhaupt die ge-steigerten Kreditansprüche der bedrängten Unternehmer, fortgesetzt großeAnsprüche an den Geldmarkt.

Nachdem aber nach großen Betriebseinschränkungen, Liquidationenund Bankerotten die unvermeidliche Verminderung der Produktion sichdurchgesetzt hatte, folgte auf das akute Stadium der Krisis eine lang

i Die Verminderung des ungedeckten jBanknotenumlnufs vom Ende 1872 bisEnde 1873, welche an und für sich auf eine Abnahme des Geldbedarfs schließen ließe,erklärt sich dadurch, daß der Bietallvorrat der Preußischen Bank damals durch dieÜberweisung starker Gelder seitens des Staates außerordentlich vermehrt und ihrungedeckter Notenumlauf dementsprechend eingeschränkt wurde. Der ungedeckte Noten-umlauf der übrigen Banken zeigt im Jahre 1873 nicht nur keine Abnahme, sondernsogar eine Zunahme um M Millionen Mark. Vgl. Beiträge S. 404 ff.