Teil eines Werkes 
1 (1898) Geschichte der deutschen Geldreform / von Karl Helfferich
Entstehung
Seite
370
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In dein Augenblick, als diese nene Wendung eintrat, waren erstwenig wehr als 90 Millionen Mark an Landessilberwünzen eingezogen.Dafür waren 27 Millionen Mark an Reichssilberwünzen ausgeprägt.Der Bestand an deutschen Silbermünzen war also in diesem kritischenStadium der Reform fast drei Jahre nach dem Beginn des Reform-werks! nur um etliche 69 Millionen Mark verringert, während dieVermehrung des Goldumlaufs den Betrag von 950 Millionen Marküberstieg.

Diese Saumseligkeit bei der Silbereinziehung ist um so unverständ-licher, da die wichtigsten Gründe, welche vor dem Erlaß des Müuz-gesetzes für die Verzögerung der Silbereinziehung ins Feld geführt wur-den, inzwischen hinfällig geworden waren.

Die Unsicherheit über die Beendigung der französischen Zahlungenwar feit dem Abkommen vom 15. März 1873 beseitigt. Wenn dieNeichsregierung aus der unerwartet schnellen Abtragung der fünf Milliar-den die richtige Konsequenz hätte ziehen wollen, so hätte sie seit diesemTag die Silbereinziehung anfs äußerste beschleunigen müssen.

Ferner war das an sich schon haltlose Argument beseitigt, man müssemit der Silbereinziehung zurückhalten, damit sich nicht an Stelle dereingezogenen deutschen Silbermünzen fremde substituierten; denn dasMünzgesetz erteilte dem Bundesrat ausreichende Vollmachten, um einweiteres Eindringen ausländischer Silbermünzen zu verhindern.

Auch die Möglichkeit, ein Gegengewicht gegen die Goldansmünzungenzunächst durch eine Einschränkung der Papierzirknlation zu schaffen, kamnach den Bestimmungen des Artikels 18 des Mttnzgesetzes vor der zweitenHälfte des Jahres 1875 nicht in Betracht.

Nnr die Rücksicht auf die Absatzmöglichkeit blieb bestehen.

Vor dem Erlaß des Müuzgesetzes hatte die Reichsregierung keinPfund Silber verkauft, obwohl die Absatzverhältnisse so günstig waren,wie sie niemals wiederkehrten. Damals standen noch die Münzstättendes lateinischen Münzbundes dem Silber uubeschräukt offen und derLondoner Silberpreis hielt sich stets höher als 59^/2 ä. Es war alsoeine fast verlustlose Verwertung des Silbers möglich. Trotzdem verkauftedie Neichsregierung kein Pfund Silber und sah ruhig zu, wie sich deutscheBanken, namentlich die Hamburger Girobauk, in kurzer Zeit und zugünstigen Bedingungen ihrer Bestände an ungemünztem Silber entledigten,und wie die inzwischen zur Goldwährung übergegangenen skandinavischenKönigreiche ihr Silber gegen Gold umtauschten.