Teil eines Werkes 
1 (1898) Geschichte der deutschen Geldreform / von Karl Helfferich
Entstehung
Seite
371
Einzelbild herunterladen
 

371

In der zweiten Hälfte des Jahres 1873 wurden die Verhältnissebeträchtlich ungünstiger. Frankreich und Belgien beschränkten im Sep-tember ihre Silberausmllnznng auf bestimmte Marimalbeträge pro Tagund der Silberpreis zeigte einen stärkeren Rückgang.

Diese Gestaltung der Dinge war abermals eine Aufforderung zurBeschleuuigung der Silberabstoßung. Einer der Gründe, aus welchen maninnerhalb der leitenden Kreise an die unmittelbare Gefahr einer Silber-entwertuug nicht glauben wollte, war die Annahme, daß Frankreich durchseine finanziellen Verhältnisse an jedem Schritt in der Richtung ans dieGoldwährung verhindert sei^. Die Beschränkung der freien Silberprägnngzerstörte diese Voraussetzung. Der Gedanke mußte sich aufdrängen, daßan Stelle der vorläufigen, verhältnismäßig lockeren Einschränkung derSilberprägung in Belgien und Frankreich bald tiefer eingreifende undendgültige Maßregeln treten würden. In der That kam im Jannar1874 ein Vertrag zwischen den Staaten der lateinischen Union zn stände,welcher die Silberprägung sämtlicher Unionsstaaten kontingentierte.

Der Silberpreis war inzwischen zeitweise unter 58 cl hinabgesunken.

Wie verfuhr angesichts dieser Sachlage die Reichsregierung mit derSilberabstoßung?

Der erste Silberverkauf erfolgte im Oktober 1873; es handelte sichnur um den geriugfügigen Betrag von 1.327 Psund Feinsilber, welcheaus der Einschmelzung von 40.000 Thalern hervorgegangen waren. DasSilber wurde bei der Pariser Münzstätte gegen Münzscheine eingeliefert.Bis zum Schluß des Jahres folgten zwei weitere Verkäufe nach Paris .

In den ersten Monaten des Jahres 1874 erfahr die Lage des Silber-marktes eine erhebliche Besserung durch einen starken Silberbedarf fürIndien. Die indische Regierung nahm in England eine Silberanleiheauf und verminderte ihre Begebungen von Councilbills. Der Silberpreisstieg wieder bis auf 59^2 cl^.

Die Reichsregierung benutzte die günstige Konjunktur zu Verkäufennach London und direkt nach Ostasien ; aber ihre gesamten Verkäufe,welche im ersten Halbjahr 1874 sich auf 335.000 Pfund fein mit einem

' So heißt es in dem Bericht, welche» die Bundesrats-Ausschnsse über denEntwurf des ersten Münzgesetzes (von 1871) erstatteten: >,Die dermalige politische undfinanzielle Lage Frankreichs , welche den demnächstigen Übergang dieses Lanoes zurreinen Goldwährung ausschließe, stelle eine mehr oder minder große Stabilität desWertverhältnisses der Edelmetalle für längere Zeit in Aussicht."Siehe BeiträgeS. 191.

2 Vgl. Beiträge S. 333.

24*