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Die auf dem Empfang der Kriegskontribution beruhende Mehreinfuhrvon Waren konnte jedoch erst dann zu einer Goldausfuhr nötigen, wenn sieüber die Zeit der thatsächlichen Zahlungen hinaus andauerte, weun alsoein Teil der in Bargeld übertragenen gesamten Wertsumme nach derBeendigung der Zahluugeu zu jenen außerordentlichen Aufwendungenverausgabt wurde, für welche die deutsche Gütererzeuguug uicht genügte.
Je länger der Zeitraum gewesen wäre, über welchen sich die Ab-tragung der fünf Milliarden erstreckte, desto leichter hätte man es denFranzosen gemacht, die Wertsumme in Waren abzutragen. Der Umstand,daß die Zahlung innerhalb einer so kurzen Zeit erfolgte, verringerte dieMöglichkeit der Zahlung durch Produkte und machte in großem Umfangdie vorläufige Hinsendung von Bargeld nach Deutschland notwendig,welchcs später zum Ankauf vou Ware» zurückgesendet werden mußte;denn in der kurzen Zeit bis zum September 1873 konnte weder deraußerordentliche Bedarf Deutschlands an Gütern jeder Art produziertwerden, noch hätten diese Güter Verwendung finden können.
Infolgedessen mußte die deutsche Handelsbilanz auch nach der Be-endigung der französischen Zahlungen ein starkes Überwiegen der Einfuhraufweisen. Die ungünstige Handelsbilanz beruhte also auf derselbenGrundursache, wie die relativ niedrigen Zinssätze des deutschen Geld-markts: Deutschland hatte durch die Milliardenzahlung eine seinen Be-darf weit überschreitende Menge flüssiger Geldmittel erhalten; dadurchwurde die zinsbare Anlage von Geld im Ausland, woselbst ein stärkererGeldbedarf herrschte, lohnend gemacht, und der Austausch des in Deutsch-land überflüssigen Geldes gegen ausländische Erzengnisse, nach welchenein größerer Begehr vorhanden war, gefördert. Beides im Vereine führtezur Goldausfuhr.
Wie die Ursachen der Valutakrisis verkannt wurden, so wurde ihreTragweite von vielen Seiten gewaltig überschätzt
Die wenigsten wagten zu zweifeln, daß die Goldausfnhr ein schweresNationalunglück sei. Vor allem galt es als ausgemacht, daß die Gold-währung nunmehr scheitern müsse. Die Freunde der Goldwährung be-klagten die traurige Thatsache; ihre Gegner, wie Niendorf und seinagrarischer Anhang freuten sich auf den „Einzug der Reichspapier-währung".
Freilich war die Bedeutung der Valutakrisis uicht gering. Abersie lag nicht in einem Scheitern der Münzreform, sondern sie zeigte nur.