Teil eines Werkes 
1 (1898) Geschichte der deutschen Geldreform / von Karl Helfferich
Entstehung
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In demselben Monat sanken die Berliner Wechselkurse ans London und Paris zum erstenmale seit langer Zeit nnter die Parität hinab. Inden folgenden Monaten sanken sie so tief, daß im Wege des freien Ver-kehrs große Summen Goldes nach Deutschland flössen.

Der plötzliche uud vollständige Umschwung war nicht etwa dadurchverursacht, daß der Goldabfluß seit der Mitte des Jahres 1874 die not-wendige Ausgleichung auf deu früheren Zufluß von Bargeld vollständigherbeigeführt hätte; dazu war im Vergleich mit der gewaltigen Ver-mehrung, welche der deutsche Geldumlauf seit dem Beginn der Reformerfahren hatte, die Summe des ausgeführten Goldes selbst nach denhöchsten Schätzungen viel zu gering. Die Ursache der neuen Wendungwar vielmehr, daß endlich eine energische Verringerung des deutschenGeldumlaufs bewirkt wurde, und daß dadurch die dem deutschen Geld-markt zur Verfügung stehenden Mittel eine plötzliche und beträchtlicheEinschränkung erfuhren.

Vor allem begann mit dem 1. Juli 1875 der Termin für die Zurück-ziehung der Notenabschnitte unter 100 Mark^.

Ende Dezember 1874 befand sich an solchen Noten ein Betrag von540 Millionen Mark im Umlauf. Es war klar, daß ein großer Teilderselben nicht durch Abschnitte von 100 Mark und darüber, sondernnur durch Metallgeld in den entsprechenden Wertgrößen ersetzt werdenkonnte. Soweit das der Fall war, sahen sich die Banken znr Einlösungder Zettel in Metallgeld genötigt. Die daraus entstehende Verminderungihrer Barvorräte uötigte sie, durch höhere Zinssätze ihre Kreditgewährungzu beschränken und Metallgeld herbeizuziehen.

Gleichzeitig sand die Einziehung des Landespapiergeldes und derenUmtausch gegen Neichspapiergeld statt. Eine wesentliche Einschränkungdes Geldumlaufs wurde dadurch jedoch nicht bewirkt, da nach den Be-stimmungen des Reichskassenschein-Gesetzes der zunächst auszugebende Be-trag von Neichspapiergeld nur um wenige Millionen Mark hinter dembisherigen Papiergeldnmlauf zurückblieb und erst im Laufe der Jahreallmählich weiter verringern werden sollte.

Dagegen wurde eine weitere beträchtliche Verringerung der Zirkula-tion dadurch herbeigeführt, daß die Reichsregierung nun endlich anfing,in größerem Umfang mit der Einziehung von Landessilbermünzen vorzu-

i Nach einem Gesetz vom 21. Dezember 1875 durften von diesem Termin abNoten, welche auf Beträge unter 5V Mark lauteten, überhaupt nicht mehr ausgegebenwerden.