Teil eines Werkes 
1 (1898) Geschichte der deutschen Geldreform / von Karl Helfferich
Entstehung
Seite
412
Einzelbild herunterladen
 

412

umlauf und eine Preisgabe ihrer Goldzirkulation um den Silberwertverdient machen wollten.

Zu einem solchen opferwilligen Entschlüsse zeigten jedoch die Länderdes lateinischen Münzbundes ebensowenig Geneigtheit, wie England amEnde des 18. Jahrhunderts.

In Belgien richteten die Handelskammern bereits im Dezember1872 energische Eingaben an die Regierung, in welchen sie die Einstellungder Silberprägung und den Übergang zur Goldwährung verlangten. DieRegierung war jedoch damals klerikal und der Doppelwährung günstiggesinnt; sie gab diesen Eingaben keine Folge, ebensowenig wie einerInterpellation Fröre-Orbans, des Führers der Liberalen und der An-hänger der Goldwährung.

In der Schweiz sprach sich im März 1873 eine Delegierten-Ver-sammlung des Handels- uud Jndustrievereins fast einstimmig für denÜbergang zur Goldwährung aus und richtete an die Bundesregierung dasErsuchen, diplomatische Verhandlungen mit den andern Staaten derlateinischen Union anzubahnen. '

Der Bundesrat richtete vertrauliche Ausragen nach Paris uud Brüssel .Die Antworten beider Regierungen ließen alle Verhandlungen als aus-sichtslos erscheinen'.

Inzwischen wuchsen die Silberpräguugeu immer mehr an. Die BrüsselerMünze prägte täglich etwa 300.000 Francs in Fünffrankenthalern, dieSilberausmünzungen der Pariser Münze erreichten längere Zeit hindurchdie Höhe von 750.000 Francs im Tag.

Diese enormen Silberprägungen erschreckten selbst die bimetallistischenFinanzminister Belgiens und Frankreichs .

Anfang September 1873 beschränkte der belgische FinanzministerMalou die Prägung von Fünffrankenthalern auf 150.000 Francs proTag. Um dieselbe Zeit, am 6. September, erhielt die Pariser MünzeBefehl, mit ihren täglichen Silberausmünzungen 200.000 Francs nichtzu überschreiten; für die Münze von Bordeaux wurde ein Höchstbetrag von80.000 Francs festgesetzt. Es ist eine merkwürdige Ironie des Schicksals,daß die Verordnung, welche in Frankreich die freie Silberprägung soerheblich beschränkte, von demselben Manne ausging, der in den letztenJahren des Kaiserreichs den Goldwährungsbestrebungen am entschiedenstenentgegengetreten war, von demselben Magne, der damals Finanz-

i I. Schüepp, Beitrage zur schweizerischen Münzgeschichte, 189-Z,