Teil eines Werkes 
1 (1898) Geschichte der deutschen Geldreform / von Karl Helfferich
Entstehung
Seite
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Eine weniger kleinliche und thörichte Auffassung spricht Rochussen'mit folgenden Worten aus:

England sagte sich vom Silber los, als Deutschland wie die ge-samte übrige Welt bei demselben verharrte. Als aber auch Deutschlaudhinübertrat, mußte das Gold das Übergewicht bekommen."

Damit kommen wir über das Verhältnis der deutschen Münzreformzu den Maßregeln speciell des lateinischen Münzbnndes hinaus und tretenvor die Frage: in welchem Verhältnis steht die deutsche Münzreform zuden Währungsumwälzungen der ganzen Welt, welche seit 1870 statt-gefunden haben, zu der allgemeinen Ächtung des weißen Metalls, welchersich innerhalb weniger Jahre außer Amerika, Skandinavien, Holland undden Ländern des Fraukensvstems bald auch Österreich und Rußland , zu-letzt sogar Indien und Japan angeschlossen haben?

War in der That das Übertreten von der Seite des Silbers aufdie Seite des Goldes, welches Deutschland ausführte, eine solche Störungeines zwischen beiden Metallen bestehenden Gleichgewichts, daß ohneRücksicht auf ihren Willen und aus alle noch so schädlichen Folgendie gesamte Kulturwelt auf die Seite des Goldes fallen mußte?

Warum soll gerade Deutschlands Münzreform diese weittragendeWirkuug gehabt haben? Die Länder des Frankensnstems hatten zweiJahrzehnte vor Deutschland , vermöge der Wirkung ihrer Alternativ-währnng, aufgehört,beim Silber zu verharren"; sie waren damalswirtschaftlich bedeutend mächtiger als Deutschland . Warum hat ihrÜbergang zum Gold jenes Gleichgewicht zwischen den Metallen nicht er-schüttert? Wenn sie jetzt die Wirkung ihres Währungssnstems übersich ergehen ließen, wurden sie wieder Silberländer im selben Augen-blick, wo Deutschland Goldwährungsland wurde, Sie tauschten mitDeutschland den Platz. Wenn also vor der deutscheu Münzreformdas Gleichgewicht noch nicht zu Gunsten des Goldes gestört war, sokonnte die Münzreform selbst keine Störung hervorbringen; das konntehöchstens eine Weigerung der lateinischen Union, bei ihrem bisherigenWähruugssnstem zu bleiben.

Aber das Gleichgewicht war eben bereits seit den fünfziger Jahrenzu Gunsten des Goldes gestört, und zwar nicht durch irgendwelche mensch-lichen Willkürakte, sondern durch den gewaltigen Aufschwung der gesamtenWeltwirtschaft, welcher die Verwendung eines wertvolleren Geldmetalls

> Neichsgold und Weltgeld, 1894. S. 64.

Helsscrich, Geschichte der Geldreform,

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