Teil eines Werkes 
2 (1898) Beiträge zur Geschichte der deutschen Geldreform / von Karl Helfferich
Entstehung
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Bank von England sich Mitte November entschloß, ihre Rate auf 4 °/oherabzusetzen, stand der Privatdiskont bereits etwa 1^/s "/» unter ihremMinimalsatz. Infolge dessen hatten sich die Wechseldiskontierungen beider Bank wesentlich verringert und sich dem offenen Markt zugewendet.

Daß die Bank trotz der wesentlichen Besserung ihres Standes solange bei dem Diskont von 5 °/o blieb, wurde damals scharf beurteilt.Das Motiv, von welchem die Bankverwaltung sich leiten ließ, war Vor-sicht gegenüber der deutschen Regierung. Ein erheblicher Betrag vonWechseln auf London , die sich noch im Besitz der deutschen Regierung be-fanden, wurde Ende November fällig, und niemand wußte, was die deutscheRegierung mit ihnen beabsichtigte.

Als der gefurchtste Termin vorüberging, ohne neue Goldbezüge zubringen, beruhigte sich der englische Markt völlig und begann Zutraueuzur deutschen Regierung zu gewinnen. Im Dezember wurde der Bank-diskont schrittweise bis auf 3 "/» herabgesetzt.

Nach einer Veranschlagung auf Grund der Mitteilungen des Ekonomistin Verbindung mit der englischen Monatsstatistik des Edelmetallverkehrshat sich die Gesamtsumme der deutschen Goldkäufe während der zweitenHälfte des Jahres 1871 auf etwa 7 Millionen K belaufen.

Trotzdem die Bank von England und der englische Markt in unbe-greiflicher Weise es versäumt hatten, sich auf die deutschen Goldbezügevorzubereiten, trotzdem unbegründete Befürchtungen hinsichtlich der Absichtender deutschen Regierung eine Zeit lang eine förmlich panikartige Stimmungerzeugten, blieb die Wirkung dieser ersten deutschen Goldbeschaffungenauf den Londoner und die übrigen europäischen Geldmärkte innerhalbmäßiger Grenzen. Sie führten naturgemäß ein allgemeines Steigen derZinssätze herbei; zuerst in London, von wo sich die Bewegung auf Paris ,auf Brüssel, auf Amsterdam und selbst auf Berlin übertrug. In Frank-reich stieg der Bankdiskont bis auf 6 °/o, in Brüssel bis auf

In Anbetracht dessen, daß in der zweiten Hälfte des Jahres 1871die Übertragung von IVs Milliarden Francs an Deutschland erfolgte,eine Wertübertragung, welche, wie immer auch die Reichsregierung dienicht in Metallgeld bestehenden Zahlungsmittel verwerten mochte, zu einererheblichen Versteifung des Geldmarktes führen mußte, in Anbetrachtdieses Umstandes erscheint die thatsächlich hervorgerufene Erschütterungdes Geldmarktes nicht als erheblich.

l Vergl. Anhang III.