Teil eines Werkes 
2 (1898) Beiträge zur Geschichte der deutschen Geldreform / von Karl Helfferich
Entstehung
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Als die deutsche Regierung noch keine Verwendung für Gold hatte,bezog sie Wechsel auf England direkt von der französischen Regierungund suchte sie auf dem deutschen Markt unterzubringen, bis sie sich durchdie ungewöhnliche Gestaltung der Verhältnisse zn Goldbezügen aus Eng-land genötigt sah.

Jetzt, wo die Reichsregierung sich mit Energie aus die Goldbeschaffungverlegte, verkehrten sich die Rollen: Frankreich verkaufte seine englischenWechsel auf dem deuschen Markt, und die Reichsregierung sah sich ge-nötigt, mit den von Frankreich erhaltenen deutschen Zahlungsmitteln dieseWechsel auf dem deutschen Markt aufzukaufen.

In seinem Kern aber blieb der Vorgang derselbe: Frankreich bezahlteauch jetzt noch die Kontribution zum überwiegenden Teil mit Wechselnauf England, die Deutschland seinerseits zu Goldbeschaffungen verwendenkonnte und verwendete.

Die Goldankäufe aus den Eingängen der drei letzten Milliardenfanden in London eine veränderte Lage.

Der gewöhnliche Herbstbedarf wirkte mit der Goldnachfrage fürDeutschlaud, welche, wie derEkouomist" vom 14. September 1872 be-merkt, zu einem Teil nicht von der Reichsregierung, sondern von privatenHäusern, namentlich aus Hamburg , herrührte, zu einer Versteifung desGeldmarktes zusammen.

Augenscheinliche Geldknappheit bestand damals auch auf dem Kon-tinent, vor allem in Deutschland selbst. Die Preußische Bank ging mitihrem Diskont im September auf 5 °/o in die Höhe und der Markt-diskont folgte ihr.

Geldknappheit in dem glücklichen Lande, das Milliarden empfing!Sicher eine erstaunliche Erscheinung!

Die Ursache war, daß ein großer Teil der Milliarden dem freieilVerkehr längere Zeit vorenthalten wurde. Große Goldbestände lagen inden Kassen der französischen Regierung und der Reichsregierung fest;große Summen von Goldbarren und Goldmünzen befanden sich als be-reite Prägevorräte bei den deutschen Münzstätten; da ferner die Präge-ergebnisse den Einzelstaaten auf ihren Anteil an der Kontribution über-lassen oder vorgeschossen wurden, waren weitere Summen in den Kassen derEinzelstaaten immobilisiert; von den ersten Goldprägungen wurden schließ-lich 120 Millionen Mark als Kriegsschatz in den Juliusturm zu Spandau eingesperrt: alle diese Summen waren dem freien Verkehr entzogen. Daß