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sich der größte Teil dieser Beträge durch eine ausgiebige Benutzung derDienste der Preußischen Bank für den Verkehr hätte verfügbar erhaltenlassen, unterliegt keinem Zweifel; aber Camphausen, der preußische Finanz-minister, glaubte auf die Mitwirkung dieses Jnstitus verzichten zu können.
Zu dieser zeitweiligen Immobilisierung großer Geldsummen kamenVerhältnisse allgemein-volkswirtschaftlicher Natur, welche die Geldknappheiterheblich steigerten: Der enorme Aufschwung von Handel und Industrie,und nicht zuletzt der Aufschwung der Börsenspekulation.
Die industrielle Produktion, welche während des Krieges hintangehaltenworden war, empfing durch die Nachfrage nach Gütern, welche im Kriegezerstört worden waren und nun ersetzt werden mußten, einen mächtigenAnreiz. Der Handel setzte fortwährend wachsende Summen wirklicher nndfiktiver Werte um. Der Bedarf nach Geld wurde dadurch außerordent-lich gesteigert, so sehr, daß die starke Vermehrung, welche der deutscheGeldumlauf während des Jahres 1872 erfuhr, nicht genügte, und daßzu der Vermehrung des Hartgeldes ein starkes Anwachsen des unge-deckten Notenumlaufs hinzukam. Von etwa 140 Millionen Thaler amSchlüsse des Jahres 1871 stieg der ungedeckte Notenumlauf in Deutsch-land auf 200 Millionen Thaler am Schlüsse des Jahres 1872, eineSumme, welche seither bis auf den heutigen Tag nicht wieder erreichtworden ist. Bis zum März 1873 erfuhr der ungedeckte Notenumlaufnoch eine weitere Steigerung.
Diese Steigerung zeigt, wie stark mit dem allgemeinen Aufschwungdie Nachfrage nach Zirkulationsmitteln anwuchs.
Der allgemeine Aufschwung war aber nicht auf Deutschland be-schränkt, er erstreckte sich fast auf alle Länder beider Erdhälften, nament-lich auch aus England , wenn er auch nirgends den Umfang annahm,wie in Deutschland .
Überall waren also die Vorbedingungen zu einer ungewöhnlichenAnspannung des Geldmarktes gegeben.
Unter diesen Verhältnissen hätte sich vielleicht eine zeitweilige Unter-brechung der Goldbezüge aus London empfohlen.
Aber die starken Ausprägungen auf den deutschen Münzstätten ver-ringerten den in den Händen der Neichsregierung befindlichen Goldvorratzuseheuds. Es lag der Neichsregierung daran, die Prägethätigkeit nichtins Stocken geraten zu lassen, uud sie entschloß sich deshalb, ihre Gold-beschaffung, trotz der sich immer schwieriger gestaltenden Marktlage fort-zusetzen. Der „Ekonomist " vom 5. Oktober 1872 klagt, die deutsche