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land während des letzten Quartals 1875 sicher eine beträchtliche Summeauf private Goldbezüge. Wie stark die gesamte Goldbeschaffuug aufPrivatrechnung während jener Zeit war, geht daraus hervor, daß derPreußischen Bank vom 18. September bis zum Schluß des Jahres 1875mehr als 69 Millionen Mark Gold in Barren und ausländischen Münzenverkauft wurde und zwar ausschließlich von Privaten.
In Anbetracht dieser günstigen Wirkungen des neuen Systems hättenunmehr die Reichsregierung auf die Fortsetzung ihrer Goldankäufe ver-zichten können. Die ihr aus den Silberverkäufen erwachsenden Forderungenauf England hätten sich durch die Begebung von Wechseln aus London realisieren lassen, ohne daß dadurch eine ähnliche Verwirrung angerichtetworden wäre, wie im Jahre 1871.
Aber die deutsche Regierung zeigte zu einer Änderung ihres bisherigenVerfahrens keine Lust. Nachdem einmal die Goldwährung beschlossenwar, hielt sie es für ihre Pflicht, die praktische Durchführung der Gold-währung, als deren wichtigsten Teil sie die Beschaffung von Prägegoldansah, in der eigenen Hand zu behalten und sie nicht der „Privat-Jndustrie", gegen welche, wie sich schon bei der Frage des freien Präge-rechts gezeigt hatte, ein gewisses Mchtrauen herrschte, zu überlassen.
Zu diesem Mißtrauen kam hinzu, daß gerade zu der Zeit, als dieFrage einer Änderung des bisherigen Verfahrens durch die erwähntenMaßregeln akut wurde, die Verhältnisse der deutschen Valuta so geartetwaren, daß die Reichsregierung einen kleinen fiskalischen Vorteil in derBeibehaltung ihrer bisherigen Praxis fand.
Berechnungen, welche später im Reichskanzleramt aufgestellt wurden,ergaben, daß bei der Realisierung von Forderungen auf London imWege der direkten Goldbeschaffuug in der Zeit von 1871 bis 1877 dasPfund Sterling für das Reich durchschnittlich zu 20,353 Mark auskam.Daraus ergiebt sich, daß im allgemeinen die Begebung von Wechseln aufLondon auf dem Berliner Markt für die Regierung nur dann vorteil-hafter war, als der direkte Bezug von Gold, wenn der Wechsel auf London höher als 20,35 notierte. Vom September ab standen die Kurse meistunter diesem Punkt, ja sie gingen bis auf 20,27 herab.
Dieselben Verhältnisse, welche der Arbitrage Goldbezüge aus England vorteilhaft erscheinen ließen, mußten für die Reichsregierung die Fort-setzung der Goldankäufe in London in noch höherem Maße vorteilhafterscheinen lassen; denn der Goldpunkt für die Arbitrage wurde damalszu 20,32 angenommen, d. h. Goldbezüge aus London galten für die
Helsferich, Beiträge zur Geldresorm, 13