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Trotzdem herrschte in London eine ziemlich starke Goldknappheit.Von Anfang Oktober bis Ende November hielt die Bank von England einen Diskont von 5 "/v. Die Ursache war einmal ein starker inländischerGeldbedarf und dann der Goldabfluß nach Amerika ,
Die umfangreichen Goldbezüge des Jahres 1877 waren durchwegbei einem für Deutschland ungünstigen Stande des Wechselkurses aufEngland ausgeführt. Der Kurs (kurze Sicht) erreichte die Höhe von20,485 und ging nur in seltenen Fällen unter die Parität hinab.
Unter diesen Verhältnissen war die Realisation der Silberverkaufs-Erlöse im Wege der Goldbeschaffung für das Reich erheblich wenigervorteilhast, als die Realisation im Wege der Begebung von Tratten aufLondon. Während der Wechselkurs auf London sich im Durchschnitt desJahres 1877 auf 20,445 Mark pro F stellte, brachte die Beschaffung vonGold dem Reich für das Pfund Sterling durchschnittlich nur 20,34 Mark'.Das war eine Differenz von durchschnittlich etwa einem halben Prozent.
Diese Sachlage veranlaßte das Reichskanzleramt zu Erwägungendarüber, ob auch in Zukunft über die Erlöse aus den Silberverkäufen wiein der Regel durch die Beschaffung von Gold disponiert werden solle.
Der relative Verlust bei den Goldkäufen fiel um so schwerer insGewicht, als die uicht uuerheblichen Überschüsse, welche die Durchführungder Münzreform in den ersten Jahren ergeben hatte, durch die infolge derSilberentwertung sich steigernden Verluste an den Silberverkäufen allmäh-lich aufgezehrt worden waren, so daß die weiteren Mittel zur Vollendungder Reform im Wege der Anleihe beschafft werden mußten.
Man hatte bisher die Goldbezüge vor der Begebung von Wechselnauf London bevorzugt, weil man glaubte, das Reich habe die Ver-pflichtung, für die Ausstattung des Verkehrs mit dem zur Durchführungder Goldwährung notwendigen Golde zu sorgen. Nun stellte man sichdie Frage, ob durch die bisherigen umfangreichen Goldbeschaffungen dasReich dieser Verpflichtung nicht vollauf Genüge geleistet habe.
Wäre man zu einer schlechthin bejahenden Antwort gekommen, dannwäre die einzig richtige Folgerung gewesen, von nun ab die aus denSilberverkäufen in London erwachsenden Guthaben in der Regel imWege der Begebung von Tratten auf London zu realisieren und nur
' Siehe oben S. 224.