Teil eines Werkes 
2 (1898) Beiträge zur Geschichte der deutschen Geldreform / von Karl Helfferich
Entstehung
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Unter den eigenartigen Verhältnissen, in welchen sich das deutsche Geldwesen im ersten Stadium der Münzreform befand, war der Ankaufvon Gold seitens der Neichsregierung eine Notwendigkeit, welche sich ausder Entwickelung der Dinge, wie wir gesehen haben, gebieterisch auf-drängte.

Die Kritik kann sich hier nur aus die Art und Weise erstrecken, inwelcher die Neichsregierung dieser Notwendigkeit genügte.

Dagegen steht für die Beurteilung des zweiten Teiles der Geld-beschaffung die Frage oben an, ob es notwendig, oder mindestens ob esfür die Durchführung der Reform förderlich war, daß das Reich aufeigene Rechnung selbst zu ungünstigen Bedingungen Gold anzukaufen fort-fuhr, als das deutsche Geldwesen durch das Inkrafttreten der neuenGeldverfassung mit den ausländischen Valuten bereits in eine selbstthätigeVerbindung gesetzt war, als bereits die Gestaltung der deutschen Zahlungs-bilanz die internationale Goldbewegung beeinflußte.

Soviel steht fest, daß die deutschen Wechselkurse auf England , wem?die Reichsregierung von der zweiten Hälfte des Jahres 1875 ab das ihraus ihren Silberverkäufen in London erwachsende Guthaben lediglichdurch die Begebung von Tratten auf London realisiert hätte, sich währendder ganzen Periode bis zur Einstellung der Silberverkäufe für Deutsch-land günstiger gestaltet hätten, als sie thatsächlich während dieser Zeitwaren. Dem Goldabfiuß ins Ausland wäre dadurch sicher in wesent-lichem Umfange vorgebeugt worden, wenn er nicht ganz verhindert wordenwäre. Jedenfalls wäre der Goldabfluß speciell nach England , der sich injenen Jahren nur auf geringe Summen belief, vollständig unterbliebenund England hätte durch Vermittelung der Arbitrage auch ohne das Ein-greifen des Reiches große Summen Goldes an Deutschland abgegeben.

Sicher ist andererseits, daß auf dem von der Reichsregierung be-vorzugten Wege der direkten Goldbeschaffung größere Summen Goldesnach Deutschland gebracht worden sind, als bei einer Realisation derSilberverkauss-Erlöse durch die Begebung von Wechseln auf London imWege des freien Verkehrs nach Deutschland geflossen wären.

Der Wechselkurs ist für die internationale Goldbewegung innerhalbder beiden Goldpunkte indifferent. Solange der Wechselkurs auf London so hoch stand, daß er zwar noch von dem Ausfuhrpunkt für Gold ent-fernt war, aber andererseits selbst durch ein sehr erhebliches Angebot vonTratten auf London nicht auf den Einfuhrpunkt für Gold herabgedrücktwerden konnte, also etwa auf der Höhe von 20,44 bis 20,48, konnte die