Teil eines Werkes 
2 (1898) Beiträge zur Geschichte der deutschen Geldreform / von Karl Helfferich
Entstehung
Seite
282
Einzelbild herunterladen
 

282

Reichsregierung mit verhältnismäßig geringen Verlusten größere SummenGold aus London beziehen, welche im Wege des freien Verkehrs nicht nachDeutschland hätten kommen können. Ein Angebot von 100.000 F Trattenauf London hätte in solchen Fällen den Kurs vielleicht bis auf 20,37 oder20,35 gedrückt, also vielleicht bis zu dem Punkt, welcher für die Reichs-regierung den Bezug von Gold und die Begebung von Tratten gleichvorteilhaft erscheinen ließ; aber ein solches Angebot hätte den Wechsel-kurs wohl kaum unter 20,32, den Goldpunkt für die private Arbitrageherabzudrücken vermocht.

In solchen Fällen waren also eventuelle Opfer nicht umsonst ge-bracht. Das aus Reichsrechnung beschaffte Gold floß unmittelbar derReichsbank zu, deren Goldreserve damals schon, da sie seit der zweitenHälfte des Jahres 1875 in Gold zahlte, für ihre gesamte Geschäfts-führung und namentlich für ihre Diskontpolitik ein Faktor von größterWichtigkeit war. Durch folche Goldbezüge wurde also die Sicherheit derdeutschen Valuta gekräftigt und der Reichsbank ein niedrigerer Diskontsatzermöglicht.

Außer diesem Fall kommen noch zwei andere in Betracht.

Erstens: Der Wechselkurs stand auf dem für Deutschland günstigenGoldpunkte oder diesem Goldpunkte wenigstens so nahe, daß die Begebungeines ansehnlichen Betrages von Wechseln auf London seitens der Reichs-regierung den Kurs unter den Goldpunkt Herabdrücken mußte.

Dann hätte die Reichsregierung im Interesse der deutschen Valutavon der direkten Goldbeschaffung absehen können, denn die private Arbi-trage hätte in diesem Falle Gold aus England bezogen. Aber für dieReichskasse war in diesem Fall der Bezug von Barrengold vorteilhafterals der Verkauf von Wechseln auf London .

Der zweite Fall ist, daß die Wechselkurse so hoch standen, daß sieeine Goldausfuhr nach England ermöglichten.

Hier war die Begebung von Wechseln für die Reichskasse vorteil-hafter als die Beschaffung von Gold, und sie war ferner ein Mittel, denWechselkurs zu drücken und dadurch die Goldausfuhr unmöglich zumachen. Wenn in diesem Falle die Reichsregierung Gold aus London bezog, so waren die damit verbundenen finanziellen Opfer vergeblich.Denn was nutzte es, wenn die Schiffe, welche das auf Reichskosten inLondon gekaufte Gold nach Hamburg brachten, den Schiffen begegneten,welche deutsche Reichsgoldmünzen nach London führten!

Wir sehen, daß die Fortsetzung der Goldbeschaffungen auf Reichs-