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und der Goldbedarf für das Ausland war auf den geringen Bruchteildes deutschen Goldbestandes, der sich im freien Umlauf befand, ange-wiesen.
Damit war ein Agio für Reichsgoldmünzen unvermeidlich, und derPreis für Gold in jeder andern Form mußte eine Steigerung über seineuAnsmünzungswert erfahren. Denn die Arbitrageure, welche das Goldzur Versendung nach dem Ausland brauchten, suchten sich natürlich dasvon ihnen benötigte Gold durch das Bieten höherer Preise zu verschaffenund sich durch die Bewilliguug eines Aufgeldes die Mühe des Zusammen-lesens der Reichsgoldmünzen aus der Zirkulation soviel wie möglich zuerleichtern.
Sobald aber ein Agio auf Reichsgoldmünzen entstand und der Preisdes Goldes über seinen Ausmünzungswert stieg, war das Pari zu denausländischen Goldvaluten verschoben. Der Wechselkurs konnte jetzt nichtnur um die Kosten der Versendung, Einschmelzung und Umprägung überdie ehemalige Parität steigen, sondern auch um den Betrag des Gold-agios.
Damit haben wir die volle Erklärung für die Valuta-Krisis.
Wir untersuchen nunmehr ihren thatsächlichen Verlauf.
In der ersten Hälfte des Jahres l874 waren die deutschen Diskont-sätze eher höher als niedriger, als diejenigen des Auslandes, es bestandalso in Deutschland noch keine größere Geldfülle als außerhalb. Dieauswärtigen Wechselkurse und die Goldpreise hielten sich in den erstenMonaten des Jahres l874 beträchtlich unterhalb der Parität und zogenerst gegen Mitte des Jahres etwas an.
Im Juni trat ziemlich plötzlich ein Umschwnug ein.
Während der Berliner Privatdiskont — bei einem Bankdiskont von4 Prozent — sich von Juni bis zu Ende des September zwischen 2^/2 und2^/4 Prozent bewegte, stieg in London der Privatdiskont für Dreimonats-Wechsel von 2^/» Prozent im Juni auf 4 Prozent im August und hieltsich im September auf etwa 3 Prozent. Brüssel hatte damals einenPrivatdiskont von etwa 3^4 Prozent; in Paris schwankte der Markt-diskont zwischen 3^4 und 3°,8 Prozent.
Deutschland hatte also die niedrigsten Zinssätze uud damit war einAnreiz zur Anlage von Barmitteln im Auslande gegeben.
Die Folge war eine verstärkte Nachfrage nach ausländischen Wechselnund damit ein Steigen der Wechselkurse. Am stärksten war die Differenzzwischen dem Berliner und dem Pariser Privatdiskont, und die fran-