Teil eines Werkes 
2 (1898) Beiträge zur Geschichte der deutschen Geldreform / von Karl Helfferich
Entstehung
Seite
438
Einzelbild herunterladen
 

- 438

In Deutschland dagegen machte in dieser Zeit die Versteifung desGeldmarktes weitere Fortschritte. Am 13. Jnli erhöhte die PreußischeBank ihren Satz auf 5 Prozent und der Marktdiskont stieg über 4 Pro-zent hinaus. Im September ging die Preußische Bank gar auf 6 Prozentin die Höhe. Bis zum Ende des Jahres hielt die ungewöhnliche Geld-knappheit in Deutschland an. Während vom Februar bis zum Mai1875 der Berliner Markt die niedrigsten Zinssätze in Europa aufwies,hatte er in der zweiten Hälfte des Jahres 1875 die höchsten.

Die Wirkuug dieser Verschiebung auf die Haltung der deutschenValuta trat mit aller Deutlichkeit in Erscheinnng, Von Ende Juli abbis zum Jahresschluß hielte» sich die auswärtigen Wechselkurse, welchein der ersten Hälfte des Jahres die Parität erheblich überschritten hatten,so sehr unter der Parität, daß an die Stelle des Goldabflnsses ausDeutschland ein sehr beträchtlicher Goldzufluß trat. Der Preis des Goldesgiug unter seinen Ausmünzungswert hinab und hielt sich in den letztenMonaten des Jahres 1875 zumeist auf dem Satz von 1392 Mark, zuwelchem die Reichsbank nach dem § 14 des Bankgesetzes zum An-kauf von Gold verpflichtet sein sollte, und zu welchem, bereits ehe dieseBestimmung in Wirksamkeit trat, die Preußische Bank seit dem Angust 1875Gold ankaufte.

Bedeutend gefördert wurde der Rückgang der auswärtigen Wechsel-kurse zweifelsohne durch den Umstand, daß die Neichsregierung in jener Zeitzur Abstoßung fremder Wertpapiere, die sich noch in ihrem Besitz befanden,genötigt war. Die gesetzlichen Bestimmungen über die Anlage des Reichs-Jnvalidenfonds ließen nur bis zum 1. Januar 1876 die Anlage auch inausländischen Wertpapieren zn. Bis zu diesem Termine mußten alsodie fremden Papiere des Jnvalidenfonds veräußert werden. Soweit diesePapiere an das Ausland zurückverkauft wurden, entstand für Deutschland ein Plus von Forderungen, welches die deutsche Valuta günstig beeinflußte.

Wenn man die Ereignisse in ihrem Zusammenhang betrachtet, dannstellt sich die Valutakrisis in allen ihren Erscheinungsformen, so sehr siedamals die Geister verblüff.e uud verwirrte, weder als etwas Unerhörtesnoch als etwas Rätselhaftes dar. Sie war lediglich eine Bestätigunglängst erkannter volkswirtschaftlicher Wahrheiten, und ihr Eintreten warfür vorausblickende Volkswirte nichts weniger als eine Überraschung.

Der Verlauf der Krisis bietet wissenschaftlich ein großes Interesse.Mir ist kein Fall bekannt, in welchem sich der Zusammenhang zwischender Verschiedenheit des Geldbedarfs in den einzelnen Ländern, der Ge-