Teil eines Werkes 
2 (1898) Beiträge zur Geschichte der deutschen Geldreform / von Karl Helfferich
Entstehung
Seite
439
Einzelbild herunterladen
 

439

staltung der Wechselkurse uud der internatioualen Goldbeweguug derartigschlagend und handgreiflich, förmlich auf den? Experimentiertisch, nach-weisen ließe. Es ist auch kaum ein zweiter Fall dieser Art denkbar;denn die gewaltsame Verschiebung der internationalen Umlaufsverhält-nisse, welche den Goldbewegungen der Jahre 1874/75 vorausging, warein menschlicher und willkürlicher Eingriff in und gegen die natürlicheEntwickelung. Hier bietet sich deshalb, wie durch ein Experiment ge-geben, die Gelegenheit, zu beobachten, wie die wirtschaftlichen Gesetze aufeinen gewaltigen und gewaltsamen Eingriff reagierten, und wie die natür-lichen Verhältnisse das Gleichgewicht zwischen Geldbedarf und Geld-umlauf in den einzelnen Ländern wieder herstellten.

Wie der weitere Verlauf der Dinge zeigte, war mit der einschneiden-den Wendung um die Mitte des Jahres 1875 die kritische Periode fürdie deutsche Valuta endgiltig überwunden. Nicht als ob mit der aufakuten Ursachen beruheuden Geldknappheit der zweiten Hälfte des Jahres1875 die Reaktion auf die durch die Kriegskosteuentschädigung herbeigeführteStörung der internationalen Zirkulatiousverhältnisse völlig abgeschlossengewesen wäre. Die folgenden Jahre haben vielmehr, wie wir wissen,weitere Verminderungen des deutschen Metallgeldbestandes und zeitweise sehrerhebliche Goldexporte gebracht. Aber selbst der stärkste Goldabfluß hat vonnun ab uiemals mehr eine Entgleisung der deutschen Valuta herbeigeführt.Die auswärtigen Wechselkurse stiegen niemals mehr als um die Versendungs-kosten für Gold etc. über die Parität, und der Kurs des Goldes überstiegnur selten, und vor allem niemals erheblich, seinen Ausmünzungswert.

Der Grund war natürlich vor allem die fortschreitende Verminde-rung des deutschen Silberumlaufs und die entsprechende Vermehrungdes deutschen Goldvorrates uud namentlich der freien Goldzirkulation.Aber die Veränderungen in der Zusammensetzung des deutscheu Geld-umlaufs waren an sich doch nicht so bedeutend, daß sie mit zwingenderNotwendigkeit einen Rückfall in die Valntakrisis von 1874/75 hätten aus-schließen müssen. Beim Beginn des Goldabflusses um die Mitte desJahres 1874 betrug der Anteil des Goldes an dein gesamten deutschenMetallgeldvorrat 43,7 Prozent; beim Beginn des Jahres 1877, welcheseinen stärkeren Goldabfluß brachte, als das Jahr der Valutakrisis, warder Anteil des Goldes 51,7 Prozent. Der Unterschied ist nicht so ge-waltig, daß er allein die Erklärung dafür geben kann, warum 1874/75die deutsche Valuta erschüttert wurde, während sie 1877 keine Störung erfuhr.