372 Die Stände und das Volk. Stadtbild und Stadtleben
anischen Stadtmauer begegnete hier ernstlichen Schwierigkeiteninfolge der die Baulinie der Mauer selbst bedrängenden ansehn-lichen aber zugleich engen Gebäudekomplexe.
Der Vicus Patricius war wohl die bestgepflegte Straßedes ganzen Viertels. Er hatte nicht nur die die Hausfronten be-gleitenden, von Caesar vorgeschriebenen, mit Quadern gepflaster-ten Bürgersteige, sondern auch einen gepflasterten Straßendamm.Der Verkehr in der Straße war ruhiger als in den Parallelstraßen.Der Tabernen- und Handwerkerbetrieb vor den Häusern warsauberer und ordentlicher. Eine Anzahl Vici war mit Familien-und Handwerkerverbänden besetzt welche Ordnung hielten. An-dere Vici enthielten Mietskasernen mit vielen Stockwerken undan zahlreiche und verschiedenartige Aftermieter vermietetenKleinwohnungen. An den Straßenfronten aber wohnten vor-nehmere Leute. Es scheint, daß die Schicht, welche man die li-terarische und akademische Welt nennt, eine Vorliebe für dieseWohnlage hatte. Der Dichter Persius Flaccus und dei ebensovermögende wie hochangesehene Rhetor, Sachwalter und Schrift-steller C. Plinius Caecilius Secundus (Plinius der Jüngere ) derdreimal (kinderlos) verheiratet war, haben dort gewohnt.
Ein Kennzeichen vornehmerer Bewohnung der Straße be-gegnete uns alsbald in Gestalt eines Leichenzuges. Wir hörten,daß der Verstorbene ein gewesener Konsul, Sextius Lateranussei. Wir machten dem Zuge zur Seite tretend Platz, und konntenihn genau betrachten. Voraus ritt ein Musikchor von io Mannbestehend aus Tuba- und Flötenbläsern. Es folgte eine Anzahlvon Klageweibern unmelodische Loblieder auf den Verstorbenensingend. Dann kam eine Schar von Schauspielern, Texte tragi-scher Dichter hersagend und Szenen aufführend in welchen einerder Schauspieler als Hauptrolle die Person des Verstorbenenselbst darstellte. Sodann folgte eine Gruppe von Personen welchedie Ahnen des Verstorbenen mit möglichst portraitgetreuenWachsmasken darstellten und in Wagen fuhren. Die von demVerstorbenen freigelassenen Sklaven schritten mit dem die Frei-heit bezeichnenden Hut auf dem Kopfe.