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Ludwig Bamberger : eine biographische Skizze / von Otto Hartwig
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die Einen glaubten, die Anderen entbehren zu können, unddie Machtverhältnisse der mit einander Compromittirendensich verschoben. Wenn nun auch Bismarck den Absolutismus,selbst den aufgeklärten, für eine nicht mehr mögliche Staats-form erklärt hatte, so war er doch keineswegs ein überzeugterFreund parlamentarischer Einrichtungen.Der Genius desReichskanzlers war ein anderer als der des Reichstages, wiedas Bamberger schon am 6. Juli 1872 in derGegenwart ausgeführt hatte. Der Schöpfer des deutschen Reichs warganz Energie, zum Aushau des Reiches fehlte ihm die Ruheund Geduld. Während das Parlament sich an die positivenBestimmungen der Gesetze als dauernder Staatseinrichtungengebunden erachtete, war der geniale Hof- und Staatsmannnur zu sehr geneigt, die Gesetze nach den augenblicklichenBedürfnissen zu interpretiren oder umzugestalten. BleibendeInstitutionen zu schaffen, durch die die Macht des Reichs-tages gefestigt werden könnte, lag auch gar nicht inseiner Meinung. Eher war er darauf bedacht, die Reichs-regierung vom Parlamente immer unabhängiger zu machen.Diese Tendenz musste zum Bruche zwischen Bismarck undder bisherigen tonangebenden Mehrheit des Reichstages führen,wenn und so weit diese an ihren freiheitlichen Traditionenfesthalten wollte. Da das die Absicht Bambergers war, ister in schwere Condicte mit hineingezogen worden und hatalle Bitternisse derselben auskosten müssen.

Differenzen zwischen dem Reichskanzler und den National-liberalen hatten in einzelnen Fragen immer bestanden. Durchgegenseitiges Nachgeben hatte man sie in den ersten Jahrenaber stets zu beseitigen gewusst. So hatten Bamberger undMiquel am 30. November 1871 einen Antrag auf Bewilligungeines zweijährigen Pauschquantums für den Miltäretat ein-gebraeht, während die Regierung einen dreijährigen forderteund schliesslich erhielt. In Sachen der Reichseinheit stand Bam-berger stets aufSeiten des Reichskanzlers. So am 14. Juni 1873,als es sich um die Schaffung des Reichseisenbahnamtes handelte,und er meinte, die Bayern würden wohl noch freiwillig aufihre Reservatrechte verzichten. Den Plan, die Eisenbahnen