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Ludwig Bamberger : eine biographische Skizze / von Otto Hartwig
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neuen Einrichtungen nur als einen Ausfluss des bösen Ge-wissens der herrschenden Klassen dem Proletariate gegenüberhinstellten. Die Gesellschaft, nicht der Staat, die private undconnnunale Thätigkeit habe gegen die Nothstände in denniederen Volksschichten anzukämpfen, und wenn man jetzt vonder Bcthätigung despraktischen Christenthums durch denStaat rede, so treibe man mit ihr das Gegentheil der wahrenArmenpflege, indem man sie zu einer gesetzlichen, erzwun-genen mache. Von Humanität und christlicher Mildherzigkeitsei hei ihr gar nicht mehr die Rede.Denn wer sich (jetzt;nicht für Prügeln und Köpfen begeistert, steht im Verdachtschwächlicher Humanität. Dagegen ist derselbe Mann einunbarmherziger Individualist, wenn er Notli und Elend nichtauf dem Wege mechanischer Gütervertheilung, sondern durchHebung der moralischen und intellectuellen Kräfte der Ein-zelnen zu überwinden empfiehlt (Gegen den Staatssocialis-mus, S. 10). Diese und ähnliche Ideengänge hat Bambergerin allen seinen Schriften und den parlamentarischen Hedenausgesprochen. Er hielt noch dazu die legislatorischen Pro-jecte des Reichskanzlers auch für praktisch unausführbar.Er nannte sie 1884chimärische.

Hierin hat er sich geirrt und die Tüchtigkeit der unterendeutschen Verwaltungsbehörden, welche die socialen Gesetze,das Alters- und Invalidengesetz u. s. w., ausführten, wie erseihst später eingestand, unterschätzt. Ein Endurtheil überdie sociale Gesetzgebung lässt sich aber heute, wo wir nochmitten in der neubegonnenen Entwicklung stehen, noch nichtmit absoluter Sicherheit fällen. Kur das lässt sich sagen, dasssowohl Hoffnungen als Befürchtungen, die an sie geknüpftwurden, sich nicht erfüllt haben. Die Kraft der socialdemo-kratischen Agitation ist, wie die Reichstagswahlen beweisen,durch sie nicht gebrochen worden. Aber auch mancherlei Be-fürchtungen, die Bamberger hegte, sind nicht wahr geworden.Der Unternehmungsgeist und die Leistungsfähigkeit der Kauf-leute und Fabrikanten ist in Deutschland durch die socialeGesetzgebung nicht geschwächt worden, und Leichtsinn undTrägheit hat hei der Arbeiterbevölkerung seit ihr und durch