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Ludwig Bamberger : eine biographische Skizze / von Otto Hartwig
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Überwunden werde. Kr wollte deshalb der gefährlichensocialistischen Agitation dadurch den Hoden entziehen, dasser Beschwerden des sog. vierten Standes soweit als möglichgerecht werde, und Härten, die die ungleiche Vertheilungdes Vermögens im (fefolge hatte, nach Möglichkeit ausgleiche.Kine Stärkung der Regierungsgewalt dem Parlamentarismus und der bürgerlichen Freiheit gegenüber verfolgte Bismarckbei seinen socialpolitischen Projecten noch nebenbei. Daswar es denn auch, was Bamberger ganz besonders bestimmte,ihnen entgegen zu treten. Er hatte in seiner Jugend dieSchriften der französischen Commuiiisten studirt und socia-listische wie schutzzöllnerisclie Anwandlungen gehabt. Jetztfand er die damals als ganz revolutionär angesehenen Lehrenvon deutschen Theoretikern wissenschaftlich begründet undsalonfähig gemacht. Unter dem Titel:Zeitströmungen inder AVirthschaftslehre hatte er 1872, 73 und 74 in derBeilage zurAllgemeinen Zeitung über den Wechsel, derin den socialpolitischen Anschauungen Platz gegriffen batte,Bericht erstattet und sich gegen ihn ausgesprochen. Jetztschien ihm nun der Reichskanzler die Theorien der Socia-listcn oder sog. Kathedersocialisten mit allerlei Hintergedankenund Nebenabsichten in die Praxis des Staatslebens einführenzu wollen. Er war ein Gegner des Socialismus in seinenverschiedenen Formen, weil er in ihm den schlimmsten Feindder individuellen Freiheit und eine Gefahr für die richtigeAbsteckung der Grenzen der Staatsgewalt und der bürger-lichen Gesellschaft erblickte. Die Initiative der Einzelnenim Erwerbsleben, die spontane Thätigkeit und die Energiedes Biirgerthums den vom Staate begünstigten regierendenaristokratischen Klassen gegenüber, das Gefühl der Verant-wortlichkeit für die Ausgestaltung der eigenen Lebensgeschickeschienen ihm unter den soc sehen Projecten des Reichs-

kanzlers leiden zu müssen. Und würden sie, durchgeführt, demaugedrohten Umstürze der bürgerlichen Ordnung einen festenHalt entgegenstellen? Das Gegentheil erschien wahrschein-licher. Denn die socialdemokratischen Agitatoren würden nurein neues Argument aus ihnen für sich ziehen, indem sie die

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