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Silber / von Ludwig Bamberger
Entstehung
Seite
19
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III. Nord-Amrrika.

Am Dienstag dem 22. März dieses Jahres bot derSaal des Hauses der Repräsentanten auch schlechthindas Haus" genannt auf dem Kapital zu Washington ein ungewohntes Schauspiel dar. Der weite Raum fürAbgeordnete und Zuhörer, deren allein er zweitausendfünf-hundert saßt, war zum Erdrücken voll. Im Publikum sahman die hervorragenden Persönlichkeiten der diploma-tischen Welt, die Gesandten Englands und Frankreichs mitihren Damen, und selbst die Chinas waren zur Stelle.Durch das Ganze wogte eine gewaltige Bewegung. Tausendevon Telegrammen würden im Verlauf weniger Stunden mitnah und fern gewechselt.

Eine solche dramatische Szenerie gehört aber zu dengroßen Seltenheiten in der Versammlung, welche jenseitsdes Ozeans die Geschicke von sechzig Millionen Menschen lenkt.

In Paris sind die Sitzungen der Deputirtenkammerim Palais Bourbon an großen Tagen, wenn z. B. einMinisterium gestürzt werden soll, der Anziehungspunkt fürdie elegante Gesellschaft; in noch höherem Maße thun diesbekanntlich die Sitzungen der Akademie, wenn em berühmterMann seine Antrittsrede hält. Es hat immerhin auch seinGutes, daß die Politik, die Litteratur und die Wissenschaftdazu dienen, die neusten Hüte und Kleiderschnitte,sichund seiner: Putz" zum Bester: zu geben, und daß man desAbends sich bei der Konversation mit seiner Kenntniß aufder Höhe des Tages zu zeigen wünscht, nachdem mandes Mittags auf der Tribüne ohne Gage mitgespielt hat.Behauptet doch der Moralist, daß selbst die Scheinheiligkeitein Tribut des Lasters an dieTugend sei. Auch inBerlin geschahes zuweilen, daß etliche Standespersonen beiderlei Geschlechtsin den Logen des Reichstags zu sehen waren, wenn Bis-marck eine große Rede angekündigt hatte; und ein- oderzweimal hat sogar sein Nachfolger dresen Triumph erlebt,nachdem er seinem Versprechens langweilige Politik zumachen, vorn unwiderstehlichen Zedlitz verführt, untreu ge-worden war. Freilich, in den Salons, soweit es etwas

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