VORSTUFEN DER TYPOGRAPHIE.
49
Unfere bisherigen Refultate ßheinen daraufhinzudeuten, daß der erße Schulbücher-fa,brikant eher in Flandern als in Holland gewohnt habe, aber es giebt doch einen Grund,der midi an die Richtigkeit der Angabe der Cölnifchen Chronik glauben läßt. Wenn wirHoltropsMonuments typographiques , dieeinen fo vorzüglichenUeberblick über die nieder-ländifcheBuchilluftration bieten, durchblättern, fo fällt uns bei einer großen Zahl der Ab-bildungen auf, daß der Erdboden fchwarz gelaffen und die auf demfelben fprießendenPflanzen und Gräfer in weißen Contouren eingefchnitten find, oder daß, wenn es fich umInnenräume handelt, der Fußboden in verjchiedenßer Manier fchwarz und weiß getäfeltiß. Forfchen wir nach den Orten, wo diefe Schnitte entßanden find, dann kommen inerßer Reihe die holländifchen Städte Gouda, Haarlem und Delft in Betracht. Als Leeufeinen Wohnßtj nach Antwerpen verlegte, ging diefe Manier auch nach dort über, währendfie in Deventer und Zwolle wohl fchon urfprünglich war. — In die Entwicklungsgefchichtedes Holzfchnitts, foweit fie uns bisher bekannt iß, läßt fidi diefe fonderbare Behandlungs-art kaum einreihen; man beachte nur einmal, welche Mühe der gar nicht ungefchickteHolzfchneider der bekannten Gregormejfe 30 auf die Ausarbeitung des Fußbodens ver-wendet und wie er trotjdem eine ganz verfehlte Wirkung erzielt hat. Betrachten wir hin-gegen einen Metallfchnitt, auf dem ein ähnlich fliefenartiger Boden dargeftellt iß, 31 fo er-kennen wir fofort, daß die Technik dort völlig berechtigt war. Ebenfo war das Verfahren,die Blumen auf dunklem Erdboden weiß einzuzeichnen, für den Metallfchnitt die einzigmögliche Löfung, während es dem Holzfchnitt ein unbeholfenes, fpielkartenartiges An-fehen verleiht. Dies legt die Vermuthung nahe, daß in den Städten des HerzogthumsHolland die Holzfchneidekunß erß in fpäterer Zeit Aufnahme fand, während der Metall-fchnitt fchon früher von Niederdeutfchland aus eingedrungen und von heimifchen Künßlernausgebildet worden war. 32
Jetjt werden wir uns darüber klar werden müffen, ob Gutenberg wohl von diefen nieder-ländifchen Schulbüchern, deren Verbreitung kaum eine allzu bedeutende gewefen feindürfte, Kenntniß erhalten haben kann. Wir wiffen aus den Straßburger Prozeßakten (dieauf fpäteren Blättern von anderer Seite noch ausführlicher gewürdigt werden), daß Guten-berg dort 1438 eine Gefellfchaft bildete, welche Spiegel in Maffen anfertigte, um ße „uffder Ocher heiltumsfart“ zu verkaufen. Die Ausßellung der großen Reliquien in Aachen erfolgte nur alle ßeben Jahre, und es läßt fleh daher leicht feßßellen, daß Gutenberg dievom 10.—23. Juli 1440 ßattfindende Schauftellung im Auge hatte — alfo dasfelbejahr1440, das auch die Cölner Chronik als das Anfangsjahr der Buchdruckerkunß bezeichnet.Daß Gutenberg , der für hunderte von Gulden Spiegel angefertigt und fein und feinerGefellfchafter Vermögen hineingeßeckt hatte, die Reife nicht angetreten haben follte, ißnicht anzunehmen; vielmehr läßt der Umßand, daß er am 25. März 1441 als Bürge auftrat,darauf fchließen, daß das Ergebniß der Reife für ihn nicht ungünßig ausgefallen war.Ebenfo wird der Verfertiger der holländifchen Schulbücher (ich nicht die Gelegenheithaben entgehen laffen, mit feinen Erzeugniffen das benachbarte Aachen, das zu folchenZeiten hunderttaufende von Pilgern aufnahm, zu befuchen.
Die oft erörterte Möglichkeit, daß Gutenberg fchon 1436 Druckverfuche angeßellt habe,iß um deffentwillen unwahrßheinlich, weil fleh dann nicht erklären ließe, warum er von1440 ab — wie es doch allen Anjchein hat — bis zu feinem 27 Jahre fpäter erfolgten Todefeine Energie ausßhließlich auf die Erfindung und Ausbildung der Buchdruckerkunß ver-
7