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W. L. SCHREIBER VORSTUFEN DER TYPOGRAPHIE.
reicherer Auffaffung und Ausführung. — Eins allerdings darf nicht überfehen werden. Auf denholländifchen Miniaturen jener Zeit findet (ich zuweilen der Erdboden fchwarzgrün gemalt, während dieBlumen in gelblichem Ton aufgefeßt find. Wollte der Xylograph dies getreu wiedergeben, dann bliebihm freilich nichts übrig, als den Grund flehen zu laffen und die Pflanzenumriffe einzufchneiden.
33. 1667 verordnete der Nürnberger Rath, es folle „hinfüro keinem das Futteral- und das Spiegelmachenmehr verßattet werden, der nicht daneben das Buchbinder-Handwerk ordentlich gelernet, feine Zeit er-fanden und die Meiflerflück darauf verfertiget.“ Da durch diefesUrtheil das Spiegelmacherhandwerk alsfolches aufgehoben wurde, müffen diejBuchbinder glaubhaft gemacht haben, daß beide Handwerke vonAlters her mit einander verbunden waren.
34. Die vielfach verbreitete Anficht (z. B. H. Bouchot, Le livre, Paris o. J. S. 27), daß die Münzßempel-fchneider längft Buchßabenpunzen befeffen hätten, ift unerwiefen, vielmehr flammen die bisher nach-weisbar ältefen aus dem Ende des 15. Jahrhdts. und zeigen einzelne Buchftaben, Kronen und andereVerzierungen. Die Form der Punzen felbft ift noch nahezu diefelbe wie die der Töpferftempel aus derPfahlbau-Zeit. In dem bekannten Kabinetsbefehl Karls VII wird Gutenberg „komme adextre entailles et caracteres de poincons“ genannt und die Buchdruckerkunft als „linvention de imprimer parpoincons“ bezeichnet. Der Ausdruck poingon, der urfprünglich Punze bedeutete, wurde alfo auf dieTypen übertragen. Vgl. auch Numismatifche Zeitfchrift Bd. XX, Wien 1888 S. 154.
35. Die Dokumente wurden vom Abbö Requin gefunden und von ihm zuerß in einer Schrift L’imprimerieä Avignon en 1444, Paris 1890 mitgetheilt.
36. Hierüber und über das Folgende vgl. W. Wattenbach, das Schriftwefen im Mittelalter, Leipzig 1896.
37. C. Caßellani, L’origine tedesca e l’origine olandese dell’ invenzione della stampa. Venedig 1889 S. 15 ff.In Augsburg wird Joh. Schüßler 1466 in den Steuerbüchern als Schreiber aufgeführt und behält diefeBezeichnung bis zu feinem 1473 erfolgten Tode. Günther Zainer ließ ßch um 1468 in Augsburg nieder; bis 1472 wird er nur als commanens (Beifäß) und erß von da ab als civis Augustensis angeführtund zwar zunädift als Günther der Schreiber. Johann Bämler endlich, der fchon 1453 als Schreibernachweisbar ift, behielt diefe Bezeichnung auch bei, als er 1472 zu drucken begann; 1477 wird er zumerften Male als Drucker bezeichnet.
38. Der Parifer Buchhändler A. Claudin (Les origines de l’imprimerie en France, Paris 1898) ift wohl derErfte gewefen, der dies öffentlich ausgefprochen hat. Seine eigene Anficht, daß es fich um eine ArtSchreibmafchine gehandelt habe, dürfte allerdings auch nicht zu viel Anhänger finden.
39. Daß dies übrigens nicht fo einfach war, ergibt ßch zur Genüge aus den Ablaßbriefen von 1454/55.Gutenberg gebrauchte 2 Exemplare der großen Initiale M; er fertigte aber nicht etwa eine Gießformzu diefem Zwecke an, fondern zog es vor, beide aus freier Hand zu fchnitjen.
40. Die Herßellung folcher Bürßenabzüge erfolgt, wie zugleich zur Ergänzung der auf S. 37 über dasfogenannte Reiberdruckverfahren geäußerten Vermuthungen bemerkt fei, durch das fogenannte „Ab-klopfen:“ Der angefeuchtete Bogen wird auf die mit Farbe verfehene Druckfläche gelegt, dann werdenein oder zwei Deckbogen feuchten Papiers darauf gelegt und fchließlich klopft man die Papieroberflächemit einer kräftigen dichten Bürße leicht an. Das Papier nimmt die Farbe fehr gut an, namentlichwenn man nach Entfernung der Deckbogen die hervortretenden Theile der Schrift oder des Holzßockesmit der Bürße oder dem Handballen nochmals leicht übergeht. Diefes Verfahren iß überaus einfachund erfordert nur wenig Zeit.
41. Abgebildet Weigel und Zeftermann Bd. II No. 291.
42. Ueber den erßeren ßehe Documents iconographiques et typographiques de la Bibliothüque Royale deBelgique. Bruxelles 1877 S. 18; der zweite iß abgebildet bei H. Bradshaw, Collected Papers, Cam-bridge 1889 S. 247.