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Wir und die Engländer : offener Brief an einen englischen Freund / von Otto Arendt, Mitgleid des Reichstags und des Hauses der Abgeordneten
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schuld, nicht das deutsche Volk, das irregeführt sei, sondern der Kaiserund die Militärpartei.Kein Friede mehr für die Welt, ehe der deutscheMilitarismus vernichtet ist". Sie schreiben mir dann eine lange, gewißgeschickte Darlegung der Kriegsursachen. Ich gebe Ihnen die Versicherung,daß mir nichts darin neu ist, daß aber alles mir nur beweist, daß dieVoraussetzungen, die Sie bei mir machten bei Ihnen zutreffen. Esscheint sehr schwer zu sein, in England die Wahrheit festzustellen, wennSie der einsichtige, weltgewandte, vorurteilsfreie Mann so bös-williger Tauschung zum Opfer fallen konnten.

Ich habe viel darüber nachgedacht Sie gewiß auch, wie esmöglich ist, daß solche Verschiedenheiten der Auffassungen unter ganzenVölkern entstehen und sich aufrechterhalten können. Es gibt dochnur eine Wahrheit, nur ein Recht. Sie und die Englander sind ebensoüberzeugt, daß das Recht auf Ihrer Seite ist, wie die Deutschen mitmir das Recht bei uns, das Unrecht bei Ihnen sehen. Sie werden gewißauch heute noch an dem von Ihnen so hochverehrten Kant festhalten.Seine Weisheit laßt uns das scheinbar Unbegreifliche begreifen. Wirvermögen eben das Ding an sich nicht zu erkennen. Wir müssen unsbegnügen, die Erscheinungen nach unseren Wahrnehmungen zu be-greifen. Unsere Wahrnehmungen sind abhangig von den Kategorien,unserer Sinne. Ich will das nur andeuten, die Nutzanwendung ziehenSie selbst. Aber ich möchte hier anfügen: zu den Kategorien unseresDenkens gehört auch unsere Nationalitat. Mit Sprache und ErziehungKultur und Wissen, mit Land und Leuten, Abstammung und Über-lieferung, mit gleicher Geschichte und vollster Interessengemeinschaft gibtuns die Nation ohne unser eigenes Jutun, ohne daß wir es sogar emp-finden und wissen, eine bestimmte Richtung für unsere Gesinnungund für unsere Anschauungsweise. So und nur so erklärt sich, daß Ihnenschwarz erscheint, was ich für weiß halte. Unser Urteil ist eben abhängigvon der Kategorie der Nationalität, die ich der Kantschen Lehre vonRaum und Zeit anfügen möchte, nicht zwar als Allgemeingesetz, dennder größte Teil der Menschheit ist noch nicht über das bloße Stammes-bewußtsein bis zur Nationalität emporgestiegen, wohl aber für dieentwickelten Kulturvölker, zu denen ich vorerst noch Deutsche undEngländer zähle.

Und nun hoffe ich, werden Sie mir darin beistimmen, daß wir beidean die nationalen Kategorien bei der Beurteilung des Weltkriegesgebunden sind, daß wir beide nicht objektiv die Dinge sehen, sonderndaß wir ohne es zu wissen farbige Brillen vor den Augen haben, die