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Die bäuerlichen Verhältnisse im Elsass : durch Schilderung dreier Dörfer / erläutert von A. Hertzog
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I. ABSCHNITT.

Dass an diese Maasnahmen nicht ernstlich gedachtwerden kann, ist begreiflich; aber gerade, dass solche An-sichten laut werden, beweist uns, dass dies Uebel sehr starkgefühlt werden muss.

Aber nicht der Immobiliarkredit ist am gefährlichsten;sondern gefährlicher ist der Mobiliarkredit, die Geldanleihenauf Handscheine und besonders auf Wechsel, welche sehrschnell in hypothekirte Forderungen, sogar ohne kontradik-torisches Verfahren umgewandelt werden können, oder invollstreckbare Urtheile, die dem Gläubiger erlauben, denarmen Schuldnern von heute auf morgen aus seinem Hausezu jagen.

Hinsichtlich des Mobiliarkredits wird in den beidenSpechbach und in Ileidweiler die seit einem Jahre bestehendelandwirtschaftliche Darlehnskasse, im Uebrigen werden aberprivate Geldverleiher, gewöhnlich Juden in Anspruch ge-nommen auch jetzt soll dies, wie wir hörten, noch in zugrossem Maase geschehen; so wurde uns von einem privatenGeldverleiher (es war ein christlicher Jude) erzählt, dass erzum wenigsten 40 000 Franken hierorts ausstehen habe undzwar überwiegend zu 6°/o Zinsen.

Hinsichtlich des Immobliliarkredits werden Kreditan-stalten niemals benutzt, sondern in erster Linie Notare,Kirchenfonds und wohlhabende Landwirthe, in den meistenFällen aber gewerbsmässige Geldverleiher (Juden). Der Zins-fuss ist überall mindestens 5 °/o. Zeitdauer unbestimmt, dieRückzahlung hat gewöhnlich auf vierteljährige Kündigungzu erfolgen. Je nach der Bedürftigkeit des Schuldnerswerden noch erschwerendere Bedingungen gemacht.

5°/o Zinsen stehen nicht im Verhältniss zu der geringenBodenrente, und bei näherer Berechnung einzelner Fälle,wissen wir, dass 10°/oige Zinszahlungen nicht selten sind.

Wucherdarlehen sind immer noch möglich trotz demGesetze vom 24. Mai 1880, und kommen nur zu oft nochvor; deshalb kann man nicht genug die Gründung einerRaiffeisenschen Spar- und Darlehnskasse rühmen und an-rathen.