Die Ausbildung und Verbreitung des Erwerbstriebes,
gegenseitigen persönlichen Rücksichtnahme sich auslösen; ein steigender Teil der Wirt-schaftenden steht sich jetzt auf dem Waren- und Arbeitsmarkt in einer gewissen abstraktenGleichgültigkeit schon deshalb gegenüber, weil man sich, abgesehen von den Geschäfts-beziehungen, nicht kennt. Es entsteht in diesen wirtschaftlichen Kreisen die moralische,teilweise durch das Recht geschützte Lehre, jeder dürfe ohne Rücksicht auf den Schadenanderer sein wirtschaftliches Interesse verfolgen. Es entsteht für die an den Konkurrenz-kämpfen Teilnehmenden der Erwerbstrieb, wie er in Handelsstädten die Kaufleute,Großunternehmer, Spekulanten beherrscht, wie er auf der Börse als berechtigt, heilsamund notwendig angesehen wird.
Der historischen Entwickelung des Erwerbstriebes entspricht seine geographischeVerbreitung. Die südlichen und östlichen Völker Europas kennen ihn nicht so wie dienordöstlichen; am stärksten ist er in England und Nordfrankreich ausgebildet; inDeutschland kennt ihn der Norden mehr, als der Süden. Daß er in den VereinigtenStaaten , wie in allen Kolonialländern mit klugen, energischen Einwohnern hochentwickelterRasse besonders stark zu Hause ist, kommt wesentlich mit daher, daß man dort anderehöhere Lebensziele weniger kennt, als in den Ländern alter Kultur.
Nirgends ist dieser Erwerbstrieb über alle Klassen der Gesellschaft gleichmäßigverbreitet. Händler, Bankier, Großunternehmer haben ihn mehr als die rationellstenLandwirte; dem Offizier, Geistlichen, Beamten fehlt er vielfach nur zu sehr; der Hand-werker und Kleinbauer hat erst langsam und sporadisch, je nachdem er rechnen, buch-führen, spekulieren lernt, Teil daran. Die Arbeiter und die unteren Klassen überhaupthaben fast allerwärts noch eher einen zu geringen Erwerbstrieb. Das sinnliche Trieb-leben des Augenblickes ist noch stärker als der Sinn für die Zukunft, als die Selbst-beherrschung, die sich für die Kinder, für künftige Genüsse anstrengt. Wir hatten bisvor kurzer Zeit ländliche Arbeiter, die nach einer guten Kartoffelernte einige Tage inder Woche faulenzten. Man mag diese stumpfe Trägheit teilweise auf die erschöpfendemechanische Arbeit zurückführen, wie sie die moderne Volkswirtschaft geschaffen, mehr istsie doch bei den ländlichen, als bei den industriellen Arbeitern zu Hause, die in ihreroberen Hälfte heute mit höheren Bedürfnissen, mit ihrem Eintritt in harte Lohnkämpfeauch einen kräftigen Erwerbstrieb zu entwickeln beginnen. So roh er da und dortauftreten mag, so liegt darin doch ein unzweifelhafter Fortschritt.
Der Erwerbstrieb ruht so in seiner successiven Ausbildung 1. auf bestimmten technisch-gesellschaftlichen Voraussetzungen, 2. auf bestimmten moralischen Anschauungen, Sitten undRechtsschranken, und 3. aus den ursprünglichen Trieben und Lustgefühlen, die in jedemIndividuum thätig, aber bei den verschiedenen Menschen einen sehr verschiedenen Gradvon egoistischer Leidenschaft erreichen. Diese Lustgesühle, der Wunsch nach Lebensgenuß,Macht und Ansehen stehen stets mehr oder weniger im Hintergrund. In Zeiten, wo dieGenüsse des Lebens, der Luxus, der Ehrgeiz wächst, und an Orten, wo dies geschieht,wie in den modernen Großstädten, nimmt auch der Erwerbstrieb stark zu. Aber dochspielen bei vielen, überwiegend vom Erwerbstrieb Geleiteten diese Motive keine ausschlag-gebende Rolle. Der Reichtum, ursprünglich nur ein Mittel für höhere Lebensgenüsse, istsür sie zum Selbstzweck geworden; sie sreuen sich nicht sowohl des Besitzes als des gutenjährlichen Geschäftsabschlusses, ihrer Fähigkeit, anderen im Besitz zuvorzukommen undetwa noch der socialen Macht, die ihnen der Besitz giebt, der steigenden Abhängigkeitanderer von ihnen, unter Umständen der Möglichkeit, Gutes im großen Stil zu thun.
In den Zeiten der höchsten wirtschaftlichen Blüte der Völker, welche in der Regelmit einem hochentwickelten Waren-, Geld- und Kredithandcl zusammenfallen, in welcherzahlreiche überkommene Schranken der Sitte und des Rechtes fallen, wird leicht der ansich berechtigte Erwerbstrieb zu jener fieberhaften Sucht des Erwerbes, die nicht sowohldurch eigene Anstrengung und tüchtige Leistung, als durch Ausnutzung anderer, durchDruck und Uberlistung, durch Schamlosigkeit und Betrug rasch möglichst viel verdienenwill. Es sind die Zeiten, in welchen die Millionäre scherzen, daß sie mit den A.rmelndas Zuchthaus gestreift, und die radikalen Arbeiterführer jeden Unternehmer der
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