Z4 Einleitung. Begriff. Psuchologischc und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.
will nicht als schlechter Kämpfer und Jäger verachtet sein. Die Frauen, die Greise,die Sklaven widmen sich wirtschaftlicher Thätigkeit für andere teils aus Sympathie sürdie Ihrigen, teils aus Furcht vor Mißhandlung, nicht aus Erwerbstrieb. Der natür-liche Trieb jedes rohen Menschen, die eigenen Interessen denen anderer vorzuziehen,zeigt sich auf dieser Kulturstufe, soweit er nicht durch gesellschaftliche Einrichtungenunterdrückt ist, eher noch in dem Streben nach größeren und besseren Portionen derNahrung und des Trankes, nach schöneren Schmuckgegenständen, nach dem Ehrenplatz beiFesten, als in dem nach einem angehäuften Gütervorrat.
Erst mit dem Herdenbesitz, dem Besitz mehrerer Weiber und Sklaven, noch mehrspäter mit dem Handel und dem Edelmetallbesitz, mit dem Leihgeschäft entsteht eineintensivere Richtung der menschlichen Selbstsucht auf Besitzanhäufung. Der Vornehmerühmt sich seiner Rinder und seiner Goldringe; ein gewaltiges Kämpfen und Ringenum die in den Truhen anzusammelnden Metallschätze beginnt; die Poesie der Germanenist nach ihrer Berührung' mit der südeuropäischen Kultur jahrhundertelang erfüllt vondem Schatze der Nibelungen. Mord und Gewalt, blutige That und verräterische Listwird gepriesen und geehrt, wenn sie nur Schätze bringt. Erst sehr langsam geht dergewaltthätig«? Kampf, den der gesteigerte Besitz unter den einzelnen wie unter denStämmen anfangs erzeugt, in das über, was dann innerhalb einer gefesteten Rechts-ordnung und unerbittlich strenger Religionssatzungen und Sittenregeln eine beruhigtereZeit als erlaubtes Streben nach Geld und Gut anerkennt. So entsteht der Erwerbs-trieb bei den Kulturvölkern; er geht Hand in Hand mit der Ausbildung des Selbst-gefühls und des Selbstbewußtseins, mit der Entstehung der modernen Individualität.Die Selbstcrhaltung und Selbstbehauptung, früher viel mehr auf anderes gerichtet,konzentriert sich jetzt bei vielen Menschen auf Erwerb, Gewinn, Vermögensbcsitz. DasEmporsteigen über andere, die Thätigkeit für die Familie und die Zukunft, der Ehrgeizund die Freude an der Macht, der Lebensgenuß und der Kunstsinn, — alle diese Zielefordern nun Vermögenserwerb.
Die Ausbildung des Erwerbstricbes ist eines der wichtigsten Mittel, welche dieMenschen nach und nach der Barbarei, der Faulheit, dem Leben in den Tag hineinentziehen. Indem der Sinn sich mehr darauf richtet, statt augenblicklichen Suchens vonGenüssen, statt Essens und Spielens, überhaupt wirtschaftliche Mittel zu sammeln,wird das Leben zerlegt in die zwei großen einander stetig ablösenden Teile: Arbeit undGenuß. Die erste Erziehung zum Fleiß mag durch den Stock erfolgen, die dauernde,intensive, innerlich umwandelnde erfolgt durch den Gewinn, welchen erst der Raub unddie Gewalt, später aber der Fleiß und die Anstrengung bringt. Mit der Richtung desWillens auf erlaubten, rechtlichen Gewinn ist die Unterdrückung der augenblicklichenLust, die Überwindung des Unbehagens der Arbeit gegeben; es ist der Anfang des sitt-lichen Lebens, den Moment unter die Herrschaft künftigen Gewinns, künftiger Lust zustellen. Der Erwerbstrieb wird so zur Schule der Arbeit, der Anstrengung, er erhebt dasIndividuum auf eine ganz andere Stufe des Daseins, des Denkens, des Sich-Be-herrschens; er giebt durch seine Erfolge dem Individuum erst die wahre Selbständigkeitund Unabhängigkeit, die Würde und die Freiheit, zeitweise Höherem zu leben. AlleKulturvölker haben so einen Erwerbstrieb, der dem Wilden, dem Barbaren fehlt. DerIndianer, welchen ein Rechts- und Ehrgefühl, ein Mut im Ertragen, ein Selbstgefühlauszeichnet, das jeden Europäer beschämt, teilt mit jedem Hungrigen sein Mahl, undverachtet nicht bloß den Besitz überhaupt, sondern noch mehr die europäische Unruheund Sorge um den Besitz: jeder Europäer kommt ihm geizig und habsüchtig vor. Wiekönnt ihr, fragt er, so große feste Häuser bauen, da das Menschenleben doch sokurz ist? Die vollendete Ausbildung aber erhält der Erwerbstrieb erst da, wo die wirt-schaftliche Eigenproduktion zurücktritt hinter die für den Markt, wo die Mehrzahl derMenschen aus einem komplizierten Tauschmcchanismus den größeren Teil ihres Einkommensempfangen und wo die Beeinflussung dieser Einkommensverteilung durch den Stärkeren,Klügeren, Fleißigeren diesem leicht größere Anteile bringt. Es ist zugleich die Zeit,in welcher viele der alten, kleinen socialen Gemeinschaften mit ihrer Gemütlichkeit, ihrer