Teil eines Werkes 
1 (1900) Begriff : psychologische und sittliche Grundlage ; Literatur und Methode ; Land, Leute und Technik ; die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft
Entstehung
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Der Erwerbstrieb. Togmcngeschichte, Entstehung.

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Die Tragweite dieser Sätze ist teilweise von Rau selbst schon etwas eingeschränktworden; andere haben sie in anderer Art zu modifizieren gesucht. Man hat die Selbst-sucht in die Selbstliebe oder in das sog. geläuterte Selbstinteresse umgedeutet, das beiedlen Menschen alle höheren Lebensziele mitumfasse. Man hat den Gemcinsinn, dasRecht und die Billigkeit oder den sog. Altruismus (die Liebe zu audereu im Gegensatzzum Egoismus) als gleichwertige Triebe neben den Erwerbstrieb gestellt, um alle wirt-schaftlichen Handlungen zu erklären (Hermann, Röscher, Knies, Sax). Man hat ausdem Erwerbstriebe einen allgemeinen wirtschaftlichen Sinn gemacht, der Krastauswandund Erfolg stets vergleiche (Dietzel). Oder man hat zugegeben, daß die socialenErscheinungen von dem Ganzen der Eigenschaften der menschlichen Natur beeinflußtwerden, aber daneben das Verlangen nach Reichtum als ausschließliche Ursache derVolkswirtschaft dadurch zu retten gesucht, daß man die Wissenschaft für eine hypothetischeerklärt hat (I. St. Mill), die nur die Folgen dieses Verlangens zu untersuchen habeund deren Ergebnisse von der Wirklichkeit sich ebenso weit entserntcn, wie die hypothetischeUrsache von der Gesamtheit der Ursachen entfernt sei.

In all' diesen Abweichungen zeigt sich die Erschütterung und Unsicherheit deralten Lehre, ohne daß eine neue, ebenso anerkannte an die Stelle getreten wäre. Nachwie vor wird hier das sog. privatwirtschaftliche System aus den Erwerbstrieb zurück-geführt, dort die ganze Preisuntersuchung an die Voraussetzung des Eigennutzes geknüpft.Wir müssen auch zugeben, daß unser heutiges und Wohl alles Erwerbsleben mit demEigennutz in einer innigeren Verbindung steht, als etwa unser Staats- und Kirchen-leben. Es wird sich also, um das Wahre zu finden, darum handeln, einsach noch einenSchritt weiter zurückzugehen, als dies Hermann, Röscher und Knies gethan, sich nichtmit zwei Abstraktionen, Erwerbstrieb und Gemeinsinn, zu begnügen, sondern, wie wirdies bereits begonnen, psychologisch und historisch zu untersuchen, was die Triebfederndes wirtschaftlichen Handelns überhaupt seien, wie der sog. Erwerbstrieb neben anderenTrieben sich ausnehme, wie die bloßen wirtschaftlichen Triebe sich Verhalten zu denEigenschaften, die wir als wirtschaftliche Tugenden bezeichnen, wie neben dem Erwerbs-trieb die Arbeitsamkeit, die Sparsamkeit, der Unternehmungsgeist entstehe.

18. Entstehung, Entartung, Verbreitung des Erwerbstriebes.Wir beginnen mit der Frage, hat der Mensch von Haus aus einen egoistischen Erwcrbs-trieb in dem Sinne, daß er größere Vorräte sachlicher Güter sür sich anzuhäufen, zusammeln strebt; ist ein Trieb dieser Art die primäre Verursachung alles wirtschaftlichenHandelns, d. h. des Handelns, das die Unterwerfung der materiellen Außenweltunter die Zwecke des Menschen erstrebt, die wirtschaftliche Bedürfnisbefriedigung imAuge hat?

Darauf ist zu antworten, daß die elementaren sinnlichen Lust- und Schmerz-gefühle und das an sie sich knüpfende Tricbleben, daß ferner die Freude am Glanz undSchmuck, an Waffen und Werkzeugen, am Erfolg der eigenen gelungenen Thätigkeit un-zweifelhaft die ersten und dauerhaftesten Veranlassungen wirtschaftlichen Handelns sind.Mischt sich auch in die früheste Bethätigung dieser Gefühle schon die Neigung, diesesund jenes ausschließlich dem eigenen Gebrauch vorzubehalten, wie wir es beim Kindund beim Wilden sehen, ein eigentlicher Erwerbstricb ist weder beim Kind und Jüng-ling, noch bei all' den primitiven Stämmen vorhanden, die noch zu keinem größerenHerden- oder sonstigen Vermögen, zu keinem Handel gekommen sind. Die wirtschaftlicheAnstrengung wird ursprünglich wesentlich durch den Hunger veranlaßt, träge Faulheit undverschwendender Genuß wechseln; der unbedeutende Besitz an Werkzeugen nnd Waffenwird als Instrument der Selbsterhaltung geschätzt; aber nicht sowohl der Vorrat ansich, der Besitz an sich erfreut, zumal ein größerer kaum nutzbar zu machen wäre, fondernder Mann freut sich seines Schmuckes, seiner Werkzeuge, seiner Waffen, weil sie ihmAnsehen und Gelegenheit zu gelungeneren Kraftproben und besserem Jagderfolg geben. Mitder Zunahme der Bedürfnisse und des Besitzes, mit der Ausbildung des Thätigkeits-triebes, mit der wachsenden Geschicklichkeit sängt eine gewisse Gewöhnung an Anstrengungund Arbeit an. Der Anerkennungs- und Rivalitätstrieb mischt sich ein; der Mann

Schmoller, Grundriß der Volkswirtlchastslehrs, I, 3