66 Einleitung. Begriff. Psychologische nnd sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.
Die einzelnen und die socialen Gruppen standen so stets zugleich zueinander ineinem Verhältnis der Attraktion und der Repulsion, des Friedens und des Streites.Überall herrschen zwischen denselben Personen und Gruppen heute feindliche, morgenfreundliche Beziehungen; man liebt sich heute, wirkt zusammen, fördert sich, und morgenhaßt und beneidet, bekämpft und vernichtet man sich. Die zwei Seiten aller Menschen-natur konnten nur durch dieses Doppelspiel der egoistischen und der sympathischenWillensanstöße entwickelt werden: die Thatkraft konnte nur durch die kraftvolle Selbstebehauptung, die gesellschaftlichen Instinkte konnten nur durch Frieden und Strcitvermeidungausgebildet werden. Und da der Kampf selbst stets ein doppelter, ein individueller undein kollektiver war, so ist es Wohl verständlich, wie beides in den verschiedensten Kombi-nationen nebeneinander sich ausbildete. Der kollektive Kampf war stets nur durch dieGemeinschaft möglich; innerhalb der Stämme und Völker fanden sich meist und über-wiegend Menschen ähnlicher Körper- und Geisteskräfte zusammen, die auch ohne heftigeinnere Kämpfe eine tüchtige, unter Umständen eine durch Variation sich vervollkommnendeNachkommenschaft haben konnten, die jedenfalls nur durch ihr friedliches Zusammenlebenund Zusammenwirken die großen Fortschritte der Sprachbildung, der Ausbildung dersympathischen Gesühle, der Religion, des Rechtes vollziehen konnten, die nur unter derHerrschaft dieser Friedenseinrichtungen zur Ausbildung der politischen Tugenden, desPatriotismus, der Treue, des Gehorsams kommen konnten. Alle staatliche, zumal allekriegerische Organisation und Disciplin konnte nur durch starke Verbote und Ein-schränkungen des individuellen Daseinskampses entstehen, welche gewiß oftmals denFähigeren und Stärkeren hinderten, den Schwächeren zu vernichten. Aber das thatnichts; denn die Kindersterblichkeit, die Krankheiten, der Kampf mit den Tieren undden fremden Stämmen, die wirtschaftliche Konkurrenz schafften Auslese genug. Und nichtaller menschliche Fortschritt beruht doch aus der Auslese. Darwin selbst muß gestehen,daß die moralischen Eigenschaften, auf denen die Gesellschaft beruhe, mehr durch Ge-wohnheit, vernünftige Überlegung, Unterricht und Religion gefördert wurden. Die Lebens^bedingungen der menschlichen Gesellschaft lassen sich eben mit denen der Tiere und Pflanzennicht ganz direkt parallelisieren, weder in Beziehung auf die Fortpflanzung und Ver-erbung, noch in Beziehung aus die Kämpsc der Individuen untereinander, noch in Be-ziehung auf die der Gruppen und Gesellschaften. Es waren voreilige Analogieschlüsse,durch welche man sich der konkreten Untersuchung der gesellschaftlichen Verhältnisse undder speciellen Natur der in der Gesellschaft sich abspielenden Kämpfe und Kampsschrankenüberhoben glaubte.
Wir haben hier nun die einzelnen Anwendungen der Analogieschlüsse nicht erschöpfendzu erörtern, wollen nur noch kurz andeuten, welche Rolle der Kampfgedanke in derAusbildung der neueren Volkswirtschaftslehre gespielt hat, wie er zwar fruchtbar aufder einen Seite wirkte, auf der anderen aber auch Irrtum erzeugte, weil man meist dierichtige Begrenzung des Gedankens nicht sofort erkannte.
Die Merkantilisten sahen in allem Handel, in allen wirtschaftlichen Beziehungender Staaten untereinander wesentlich nur einen Kampf, wobei der eine Teil gewinne,was der andere verliere; ihre wirtschaftliche Politik war Kampfpolitik in übertriebenerWeise; die Staaten sollten sich möglichst gegenseitig wehe thun; die Individuen imStaate sollten umgekehrt durch alle denkbaren Schranken und polizeilichen Vorschriftenin freundlichen, förderlichen Kontakt und Tauschverkehr gesetzt werden. Die liberaleNaturlehre der Volkswirtschaft, festgefügte, wohlgeordnete Staaten vorfindend und vonidealistischen Harinonievorstellungen ausgehend, glaubte, die Staaten und Völker könntensich kaum wirtschaftlich schaden, nützten sich durch freien Verkehr immer; aber dieIndividuen, ihren Erwerb und Gewinn, ihre Bemühung um den Markt und gutePreise stellte man sich um so mehr als einen Kampf vor, als einen Verdrängungs-prozeß der schlechteren Produzenten durch die besseren: der rücksichtslose, sreie, individuelleKonkurrenzkampf erschien als das einzige Ideal; seine Schranken durch Moral, Sitte undRecht, die niemals in der Wirklichkeit verschwanden, übersah man in der Theorie.Malthns hat dann den Kamps der Individuen um den Nahrungsspielraum sür die