Teil eines Werkes 
1 (1900) Begriff : psychologische und sittliche Grundlage ; Literatur und Methode ; Land, Leute und Technik ; die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft
Entstehung
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Ter Kampf ums Dasein in Gesellschaft und Volkswirtschaft.

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der Arten aus einer geringeren Zahl von Wesen: das Princip der Zuchtwahl. Daßmit dieser großen Perspektive Darwins ein Fortschritt epochemachender Art erzielt sei,darüber ist heute kein Streit, wohl aber darüber, ob diese Vorgänge allein die Ent-stehung der Arten erklären oder nur in Verbindung mit anderen Thatsachen. Und nochmehr darüber, ob die Schlüsse generalisierender heißblütiger Schüler Darwins richtigseien, die nun ohne weiteres die gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Erscheinungeneinseitig und allein aus diesen Principien erklären wollen und sich gar zu dem Ge-danken versteigen, es gebe keinen anderen Fortschritt als den durch Kampf bedingten,und jede Hinderung und Abschwächung irgend eines Kampfes der Individuen und derVölker fei verfehlt, weil sie die Unfähigen erhalte und den Fähigen erschwere, den Erfolgfür sich einzuheimsen, den Unfähigen zu knechten oder zu vernichten. Es wird fo fürdie Volkswirtschaft und für die Gesellschaft, für das Verhalten der Individuen, derKlassen und der Völker das nackte Princip proklamiert, der Stärkere habe das Recht,den Schwächeren niederzuwerfen.

Die mit dicfen Fragen sich eröffnenden Zweifel und Kontroversen sind außer-ordentlich zahlreich und kompliziert; sie hängen mit den Vererbungsfragen zusammen,liegen teilweise auf medizinifchem und physiologischem Gebiete; sie sind zu einem gutenTeile noch nicht ganz geklärt. Aber ein Gcdankengang ist einfach; er entspringt denBetrachtungen, die uns hier beschäftigen, und beseitigt die stärkste Unklarheit, die in denÜbertreibungen der Darwinianer, in der summarischen Zusammenfassung heterogenerVerhältnisse und Ursachen unter dem SchlagwortKampf ums Dasein" liegt. Es istder Gedanke, daß jede sociale Gruppenbildung schon eine Negation gewisser, vor allemder brutalen, der für unsittlich gehaltenen Reibungen und Kämpfe aller zu einer GruppeGehörigen in sich schließe, daß sympathische Gefühle, Sitte, Moral und Recht gewisseKämpfe innerhalb der socialen Gruppen stets verhindert haben oder zu verhindern suchten.

Wir können, indem wir diese ethische Wahrheit versuchen historisch zu formulieren,sagen: die Organisation der Stämme, Völker und Staaten beruhte in älterer Zeit ganzüberwiegend nach innen auf sympathischen, nach außen ans antipathischen Gefühlen,nach innen aus Frieden, gegenseitiger Hülfe und Gemeinschaft, nach außen auf Gegensatz,Spannung und jedenfalls zeitweiligem, bis zur Vernichtung gehendem Kampfe. Aber esfehlte daneben doch auch nicht der Gegensatz im Inneren der Stämme, die friedlicheBeziehung nach außen. Nur überwog, je roher die Kultur war, das Umgekehrte. Jehöher sie stieg, je größer die Gruppen, Stämme und Völker wurden, desto mehr mildertesich auch der gemeinsame Kampf nach außen, desto häufiger trat auch in den Beziehungender Völker untereinander an die Stelle der Kämpfe und der Vernichtung die friedlicheArbeitsteilung, die Anpassung, die gegenseitige Förderung. Im Inneren aber dergefestigten größeren Gemeinschaften mußte den kleineren Gruppen und Individuennun ein etwas größerer Spielraum der freien Selbstbethätigung und damit weiterenStreites eingeräumt werden; es entstand hier ein gewisser Kampf der Gemeinden, derFamilien, der Unternehmungen, der Individuen, der aber stets in den Grenzen sichbewegte, welche durch die überlieferten sympathischen Gefühle, durch die gemeinsamenInteressen, durch Religion, Sitte, Recht und Moral gezogen wurden. So handelt essich um eine fortschreitende historische Verschiebung der Gruppierung und der Kampf-und Friedensbezichuugen der einzelnen und der Gruppen untereinander, um eine wechselndeNormierung und Zulassung der Kampfpunkte, der Kampfarten und der Kampfmittel.Niemals hat der Kampf schlechtweg geherrscht; er hätte zum Kriege aller gegen alle,zur auflösenden Anarchie geführt, er hätte niemals größere sociale Gemeinschaften ent-stehen lassen; er hätte durch die Reibung der Elemente untereinander jede große mensch-liche Krastzusammensassung und damit die großen Siege über die Natur, die Siege derhöheren Rasse über die niedrigere, der besser über die schlechter organisierten Gemein-wesen verhindert. Niemals hat aber auch der Friede allein geherrscht; ohne Kampfzwischen den Stämmen und Staaten wäre keine historische Entwickelung entstanden, ohneReibung im Inneren der Staaten und Volkswirtschaften wäre kein Wettstreit, kein Eifer,keine große Anstrengung möglich gewesen.

Schmoll er, Grundriß der Bolkswirtschaftslehre, I. 5