64 Einleitung. Begriff. Psychologische nnd sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.
Vollendete sociale Zustand darin, daß die gesunden psychischen Kräfte des Volkslebensdurch die Institutionen nicht gehemmt, sondern gefördert werden, daß die festen Ein-richtungen und das sreie Spiel der individuellen Kräfte in richtiger Wechselwirkungeinander ergänzen, daß die Institutionen die freie Bewegung nicht unnötig hemmen,die erwünschte Entwickelung aber befördern. Die Institutionen sind nicht subjektiveAnläuse, sondern objektive verkörperte Methoden und Maxime dessen, was die Erfahrung,die Weisheit der Jahrhunderte in Bezug auf die vernünftige und richtige Behandlungpraktischer Verhaltnisse gesunden hat.
Das vergleichende Studium der Volkswirtschaft verschiedener Zeiten und Länder wirdauch die natürlichen und technischen Unterschiede, die der Rasse, der Kapitalmenge und Ähn-liches in Rechnung ziehen; aber sie wird vor allem die Institutionen und Organe vergleichen,die wirtschaftliche, Familien-, Gemeinde- und Staatsversassung, die agrarischen und gewerb-lichen Betriebs- und Unternehmungsformen, die Institutionen des Markt- und Verkehrs-wesens, des Geld- und Kreditwesens, die Art, wie Arbeitsteilung und Klassenbildung sich inVereinen und Korporationen, Ständen und Institutionen fixiert haben. Das Studium derOrgane und Institutionen ist sür die Erkenntnis des socialen Körpers dasselbe, was dieAnatomie sür die des physischen; auch die Physiologie der Säste und ihre Cirkulationkann nur auf einer Kenntnis der Organe sich aufbauen. Die alte Volkswirtschaftslehre mitihrem Untergehen in Preisuntersuchungen und Cirkulationserscheinungen stellte den Ver-such einer volkswirtschaftlichen Säftephysiologie ohne Anatomie des socialen Körpers dar.
Der historische Fortschritt des wirtschaftlichen Lebens wird gewiß zunächst inbesserer Produktion und Versorgung der Menschen mit wirtschaftlichen Gütern bestehen;aber er wird nur gelingen mit besseren Institutionen, mit immer komplizierteren Organ-bildungen. Das Gelingen derselben wird immer schwieriger, aber auch immer ersolg-reicher sein. Wie die wahre Methode über dem wahren Gedanken, so steht, sagt Lazarus,die weise Konstitution über dem weisen Fürsten , die gerechte Gesetzgebung über demgerechten Richter; wir können hinzufügen, die vollendete Verfassung der Volkswirtschaftüber dem wirren Spiele der sich bekämpfenden wirtschaftlichen Kräfte. Es sind die großenFortschrittsideen und die sittlichen Ideale, die in den Institutionen sich fixieren. Allegroßen Epochen des Fortschrittes, auch die des volkswirtschaftlichen, knüpfen sich an dieReform der socialen Institutionen, an neue Organbildungen, wie z. B. neuerdings andie Genossenschaften, Gewerkvereine, Aktiengesellschaften, Kartelle, an die Fabrik- undArbeitsgesetzgebung, an die Versicherungsorganisationen an. Die großen Männer unddie großen Zeiten sind die, welche neue sociale, politische, wirtschaftliche Institutionengeschaffen haben.
32. Der Kampf ums Dasein. Wenn Sitte, Recht und Moral, wenn allegesellschaftlichen Institutionen den Zweck haben, den Frieden in der Gesellschaft zusichern, die widerstrebenden Kräfte zu versöhnen und zu bändigen, die ungeschulten zuerziehen und in übereinstimmende Bahnen zu führen, die einzelnen Individuen zugewissen Kraftcentren zu vereinigen, so könnte es den Anschein haben, als ob in dermenschlichen Kulturgesellschast kein Platz für den Kampf ums Dasein wäre. Und dochhat man seit den tiefgreifenden Forschungen Darwins wieder einmal, wie schon oft seitden Tagen der Sophisten, auch das ganze gesellschaftliche und historische Leben auf dieseFormel zurückgeführt und uns mit darwinistischen Kulturgeschichten, Sociologien, Volks-wirtschaftslehren beschenkt. Was ist das Richtige an dieser Ausfassung? Ist der Friedenoder ist der Kampf das Princip der Gesellschaft? Oder sind es vielleicht beide, jedesin seiner Art und an seiner Stelle?
Die Lehre Darwins läßt sich kurz so zusammenfassen: Die Tiere vererben ihreEigenschaften einerseits von Generation zu Generation in so ziemlich gleicher Weise,aber andererseits verändern sich diese Eigenschaften doch in einer gewissen beschränktenArt. Das Passendste überlebt sich im Kampfe ums Dasein, und die Veränderlichkeitder Eigenschaften von Generation zu Generation (die Variabilität) hängt hiemit zu-sammen; die für den Kampf am besten Ausgestatteten erhalten und paaren sich, ihreEigenschaften summieren sich in ihren Nachkommen. So erklärt Darwin die Entstehung