Ter Standpunkt des Merkantilismus.
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Die Vorstellung einer besonderen, selbständig neben dem Staate stehenden Volks-wirtschaft ist eigentlich noch nicht vorhanden. Finanzen, Arbeitsteilung, Verkehr sindden Denkern jener Tage integrierende Teile des angeblich durch den Staatsvertrag ent-standenen Gemeinwesens. Das ganze politische und wirtschaftliche Leben ist ein Mecha-nismus, der durch klug ersonnene Gesetze und staatliche Organe zu regulieren ist; diescharfsinnigsten Realisten, von Macchiavclli bis auf James Steuart , sehen darin in ersterLinie eine Schöpfung des Staatsmannes. Und die meisten damaligen Staaten warenes auch in ihrer Gründung, wie in ihrer weiteren politischen und wirtschaftlichen Ent-wickelung. Vielfach wenigstens mit Blut und Eisen und mit allen Künsten derDiplomatie waren aus den kleinen Gebieten, aus den selbständigen Städten undProvinzen die größeren Staaten damals hergestellt worden. Überall stand die Herbei-führung gleicher und einheitlicher wirtschaftlicher Ordnungen innerhalb dieser neugebildetcnStaaten im Vordergrunde der staatlichen Aufgaben; selbst Eolbert hat unendlich mehrsür die innere Verwaltungseinheit Frankreichs als für dessen Abschluß uach außengethan. Innerhalb der neugebildeten Staaten mit ihrem vergrößerten inneren Marktegilt es nun sür die entsprechende Zahl Menschen und ihre richtige Verteilung zu sorgen;das Verhältnis der Ackerbauer zu den Gewerbtreibenden nach Zahl und nach Art desAustausches beschäftigt die Aufmerksamkeit, ebenso die Frage, ob in jedem einzelnenErwerbszweige die rechte Zahl von Menschen sei; es ist Sache der Regierung, überalldas Zuviel und Zuwenig, das „Polypolium" und das „Monopolium " der Produzierendenzu hindern. Die Vorstellung von Angebot und Nachfrage begegnet uns bereits; alsdas Mittel, sie in regelmäßige Berührung zu bringen, erscheint das Geld, die Münze;die Geldcirkulatiou wird gefeiert als der große Motor des socialen Körpers; sie sollbefördert werden; eine zunehmende Geldmenge wird ebenso gepriesen wie eine raschere,gleichmäßigere Geldcirkulation. Aber abgesehen von wenigen Großkausleuten, die, schondamals an den Sitzen des lebendigsten Verkehrs, teils an sich der Freiheit der Geld-cirkulation und aller Verkehrstransaktionen vertrauen, teils diese Freiheit in ihremInteresse finden (wie Pieter de la Court in Holland ), erscheint diese Cirkulation desGeldes und der Waren, welche gerade damals sich außerordentlich vermehrte undausdehnte, niemandem als ein Strom, der sich selbst überlassen werden könne. Manfürchtete vom Handwerker die Lieferung schlechter Waren, von der natürlichenPreisbildung eine Verteuerung, die den Absatz vernichte; man lebte noch ganz inden überlieferten Zuständen, welche mit ihren Hergebrachten Stapclrechten, Binnenzöllen,Marktrechten, ihrem Fremdenrechte leicht jede Änderung und Ausdehnung des Verkehrshemmten. Alles rief nach dem Staatsmanne, der jedem Angebote seinen Absatzverschaffen, der allen Verkehr von Markt zu Markt, von Stadt zu Land, von Provinzzu Provinz und vollends von Staat zu Staat regulieren, der ordnend, Waren-schau haltend, preissctzeud eingreife. Nur so — fand man — könne diefcS künstlicheGewebe des Verkehrs gedeihen, vor falscher, dem Staate ungünstiger Entwickelung bewahrtbleiben. Ein Heißhunger nach wirklicher oder fiktiver Statistik, welche als staatlicherKontrollapparat allen Verkehrsvorgängcn dienen sollte, erfüllt die aufgeklärten, am bestenregierten Staaten von den italienischen Tyrannen des Cinque Cento bis zu den großenRegenten des 18. Jahrhunderts.
Nicht sowohl das Geld als einziger Gegenstand des Reichtums steht so im Mittel-punkte der Betrachtung, als die Cirkulation desselben, das Geld als Schwungrad desVerkehrs. Da dieses Geld aber obrigkeitliche Münze ist, vom Fürsten geprägt wird,da die Staatsgewalt für die genügende Menge verantwortlich ist, so erscheint, zumalin den Staaten ohne Bergwerke, die Pflicht, durch Handelsmaßrcgeln für die ent-sprechenden Geldsummen zu sorgen, als die wichtigste volkswirtschaftliche Ausgabe derRegierung. Und da zugleich die neuen Geldstcuern für Heer und Beamtentum nur dareichlich fließen, wo Verkehr und Industrie erblüht sind, da man diese überall da ent-stehen sieht, wo der auswärtige Handel, vor allem der nach den Kolonien, und derHandel, der inländische Jndustriewaren ausführt, gedeiht, so wird die Frage, wie durchKolonialhandel und Manufaktenaussuhr eine günstige Handelsbilanz zu erzielen sei, zumPrüfstein der richtigen staatlichen Wirtschaftspolitik.