Teil eines Werkes 
1 (1900) Begriff : psychologische und sittliche Grundlage ; Literatur und Methode ; Land, Leute und Technik ; die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft
Entstehung
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86 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

Wie die mittelalterlichen Städte schon naturgemäß ihre Aus- und Einfuhr alsein Ganzes angesehen hatten, so geschah dasselbe nun für die Territorien und Staaten.Es war ein großer Fortschritt in der praktischen Verwaltung und in der theoretischenErkenntnis, daß man versuchte, sich ein einheitliches Bild von der Aus- und Einfuhrganzer Länder zu machen, daß man feststellen wollte, ob man mehr aus- oder einführe,ob man durch Mehrausfuhr ein Plus von Edelmetall gewinne. Und daß man denStaat dabei als in einem feindlichen Spannungsverhältnis zu anderen Ländern begriffendachte, war natürlich. In dem schweren Kampfe um die Kolonien, um die Grenzen,um die Absatzgebiete standen sich die neugebildeten Staaten Jahrhunderte lang feindlichgegenüber; die wichtigsten derselben waren fast häufiger in Handels- und Kolonialkriegmiteinander begriffen als in Frieden; die kleineren und schwächeren wurden unbarmherzigwirtschaftlich von den größeren und stärkeren mißhandelt und ausgebeutet oder fürchteten,es zu werden. Was Wunder, wenn die Frage in den Vordergrund rückte, was gewinnenoder verlieren wir bei der Berührung niit dem anderen Staate? Verri drückt dieWahrheit für einen großen Teil der damaligen internationalen Beziehungen aus, wenner sagt:Jeder Vorteil eines Volkes im Handel bringt einem anderen Volke Schaden,-das Studium des Handels ist ein wahrer Krieg". Nur wenn man durch Kriege, Kolonial-crwerbung und besonders durch kluge Verträge neue Märkte gewonnen, durch Sperren undSchutzmaßregeln den eigenen Absatz erweitert, durch Berechnung der Bilanz konstatiert hatte,daß man mehr aus- als einführe, was besonders in günstigen Jahren und bei raschemporblühender Industrie zutraf, glaubte man sich gegen die Gefahr der Übervorteilung,der Verarmung gesichert. Jedenfalls bewies eine wachsende Ausfuhr in der Regel, daßdas Ausland der Waren des Inlandes dringender bedürfe als umgekehrt, jedenfallsverband sich mit der genauen Beobachtung der Aus- und Einfuhr häufig die richtigePflege des inländifchen Verkehrs und der inländischen Industrie. Und wenn also nichtalle Sätze richtig waren, die man an die Bilanzlehre anknüpfte, wenn die Erwartungen,durch Zollmaßrcgeln die Geldmenge im Lande steigern zu können, übertrieben waren,die Beobachtung der Aus- und Einfuhr war ein Instrument des volkswirtschaftlichenFortschrittes; die durch Zollgrenzen erfolgende Abschließung des Landes entfprach derBeförderung eines freien inneren Verkehrs. Die Auffassung, die Staatsgewalt habe diePflicht, die Volkswirtschaft des Landes als ein Ganzes in ihren Interessen zu fördern,in den internationalen Rivalitätskämpfen zu stützen und zu vertreten, entsprach durchausden Verhältnissen. Die Regierungen, welche rasch, selbstbewußt und kühn die Machtihrer Flotten und Heere, den Apparat ihrer Zoll- und Schiffahrtsgesetze in den Dienstder staatlichen Wirtschaftsinteressen zu stellen verstanden, erreichten damit den Vor-fprung im handelspolitischen Kampfe, in Reichtum und industrieller Blüte; und wenndie Regierungen jener Tage oft zu weit gingen, von halbwahren theoretischen Sätzensich leiten ließen, wenn Holland, England und Frankreich ebenso durch Gewalt undKolonialausbeutung wie durch eigene innere Arbeit Reichtümer sammelten, so gaben siedoch durch ihre volkswirtschaftliche Politik dem inneren wirtschaftlichen Leben der betreffendenNation die notwendige Unterlage der Macht, der wirtschaftlichen Bewegung der Zeitden rechten Schwung, dem nationalen Streben große Ziele. Die merkantilistischen Idealewaren so für jene Jahrhunderte ein nicht nur berechtigtes, sondern das einzig richtigeZiel. Ganz ist die Berechtigung solcher Ziele auch heute noch nicht verschwunden, obwohldas Völkerrecht und der Welthandel die internationalen Beziehungen so viel friedlichergestaltet haben.

Die Schriften der verschiedenen europäischen Nationen, welche an dieser geistigenBewegung teil genommen haben, unterscheiden sich hauptsächlich dadurch, daß sie je nachder Lage und den nationalen Gesamtintereffen verschiedene staatliche Verwaltungs-maßregeln empfehlen. In Holland rühmt man staatliche Admiralitäten, große monopo-lisierte Handelsgesellschaften und alle die Maßregeln, die Amsterdam zum Mittelpunktedes Welthandels machen. Außerhalb Hollands empfiehlt man allgemein die Nachahmungdieses kleinen, rührigen Handelsvolkes, aber man dringt in England in erster Linie ausnationale Schiffahrtsgesetze, die gegen Holland gerichtet sind, auf Pflege der Seefifcherei,