Teil eines Werkes 
1 (1900) Begriff : psychologische und sittliche Grundlage ; Literatur und Methode ; Land, Leute und Technik ; die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft
Entstehung
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Beschreibung; vergleichende Methode; Bcgriffsbildung.

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und Beloch, haben Methode und Zusammenhang in diese Untersuchungen gebracht, eine"vergleichende historische Bevölkerungsstatistik geschaffen. So wirken eben die aneinandergrenzenden Wissenschaften immer gegenseitig befruchtend aufeinander.

Eine einzige Methode nationalökonomifcher Beobachtung kann es entsprechend derKompliziertheit des Stoffes natürlich nicht geben. Auf jeden Teil des Stoffes sind dieMittel zu verwenden, die uns am weitesten führen, die uns das zutreffendste, wahrste,vollständigste Bild der Wirklichkeit, der volkswirtfchaftlichen Thatfachen geben.

Die Thatsachen kennen, sagt Lotze, ist nicht alles, aber ein Großes; dies geringzu schätzen, weil man mehr verlangt, geziemt nur jenen hesiodischen Thoren, die nieverstehen, daß halb oft besser ist als ganz. Und Lassalle meint in ähnlichem Zusammen-hange : Der Stoff hat ohne den Gedanken immer noch einen relativen Wert, der Gedankeohne den Stoff aber nur die Bedeutung einer Chimäre.

44. Die Begriffsbildung. Richtig beschreiben, von einem GegenstandeMerkmale aussagen, die Ursachen aufdecken, die Folgen feststellen kann nur, wer dieErscheinungen, ihre Merkmale, ihre Konsequenzen mit Worten festen Inhalts bezeichnet.Die Begriffsbildung hat die Aufgabe, die in der gewöhnlichen Sprache vorhandenen,von der Wissenschaft benutzten, weiter gebildeten, oft umgedeuteten Worte zu diesemZwecke einer Erörterung, Deutung und Fixierung zu unterwerfen. Diefe Begriffsbildung,für jede Wissenschaft eine ihrer wesentlichen Aufgaben, ist zunächst eine Fortsetzung oderPotenzierung der natürlichen Sprachbildung. Jeder Sprachgebrauch geht vom anschau-lichen, sinnlichen Bilde einer Erscheinung aus, in dem eine Summe von Vorstellungenum eine herrschende gruppiert ist; das Wort ist dieser herrschenden Vorstellung entnommen,bezeichnet das Bild mit allen seinen Vorstellungen; das Wort wird zu einem abstrakten,konventionellen Zeichen, das bei allen Gebrauchenden die gleichen oder ähnlichen Vor-stellungen hervorruft. Diese Vorstellungen sind aber nicht fixiert, es schieben sich indie Wortbedeutung jeder lebendigen Sprache neue, wechselnde Vorstellungen ein; dieherrschende Vorstellung wird von einer anderen verdrängt. Und je allgemeinere Vor-stellungskreise ein Wort einheitlich zusammenfaßt, desto zweifelhafter ist in der gewöhn-lichen Sprache der damit verbundene Sinn. Die Wissenschaft hat nun das Bedürfnis,diese fließenden und schwankenden Vorstcllungskreise immer wieder für ihre Zwecke zufixieren; sie verlangt möglichste Konstanz, durchgängige, feste Bestimmtheit, Sicherheitund Allgemeingültigkeit der Wortbezeichnung. Die Definition ist das wissenschaftlichbegründete Urteil über die Bedeutung eines Wortes. Indem wir definieren, wollenwir für alle an der Gedankenarbeit Teilnehmenden eine gleichmäßige Ordnung des Vor-stellungsinhaltes und damit zugleich eine einheitliche Klassifikation der Erscheinungeneintreten lassen. Das ist aber immer nur bis zu einem gewissen Grade möglich. DieDinge selbst und alle unsere Vorstellungen über sie sind stets im Flusse begriffen; dievollendete Klassifikation der Erscheinungen ist niemals ganz vorhanden; die Worte, mitdenen wir einen Begriff definieren, sind selbst nicht absolut feststehend; sie wären esnur, wenn es bereits ein vollendetes Begriffssystem gäbe, was nicht der Fall ist. Wirmüssen uns also in allen Wissenschaften mit vorläufigen Definitionen begnügen, demweiteren Fortschritte der Wissenschaft und des Lebens ihre weitere Richtigstellung über-lassend.

Eine Wissenschaft, die schon ein relativ feststehendes Begriffssystem hat, definiertdurch Angabe der nächst höheren Gattung des Begriffes und durch den artbildendenUnterschied; die Nationalökonomie und das ganze Gebiet der Staatswissenschaft ist nuran einzelnen Stellen so weit, in dieser Weise definieren zu können: z. B. die Haus-industrie ist eine Unternehmungsform, bei welcher der kleine Produzent nicht direkt ansPublikum verkauft, sondern den Absatz seiner Produkte nur durch anderweite kauf-männische Vermittelung erreicht.

In der Regel muß sie definieren, indem sie den Begriff in seine Merkmale zerlegt,die wichtigsten zur Charakterisierung benutzt. Artet die Definition dadurch zu einer breitenanalytischen Beschreibung aus, so hört sie auf Definition zu sein, und riskiert, nicht ein-mal die herrschende Vorstellung in den Mittelpunkt zu stellen. Betont sie in der Definition