Teil eines Werkes 
1 (1900) Begriff : psychologische und sittliche Grundlage ; Literatur und Methode ; Land, Leute und Technik ; die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft
Entstehung
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104 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

"ausschließlich eines von verschiedenen Merkmalen, so kommt die Gesahr, daß jedem fürseine wissenschaftlichen Zwecke ein anderes Merkmal als das wichtigste erscheint. Daherfast stets verschiedene Definitionen möglich sind, die nicht durch ihre Richtigkeit, sonderndurch ihre Zweckmäßigkeit für bestimmte wissenschaftliche Zwecke sich unterscheiden. DieGefahr wächst, je allgemeiner und abstrakter die Begriffe sind. Wie die Rechtswissen-schaft, welche für die einzelnen konkreten Rechtsinstitute das vollendetste Begriffssystemhat, für ihre allgemeinen Begriffe Recht, Staat zc. noch in keiner Weise zu allgemeinanerkannten Begriffen kommen konnte, so ist es begreiflich, daß auch die Volkswirtschaftein ähnliches Schicksal teilt; jeder fast definiert ihre allgemeinsten Begriffe, wie Wirt-schaft oder Arbeit, wieder in anderer Weise.

Das hat nun nicht so sehr viel zu sagen für denjenigen, welcher nur Nominal-definitionen, d. h. Urteile über den Sprachgebrauch geben will, diesen treu bleibt, mitihnen vom gewöhnlichen Gebrauche sich nicht allzuweit entfernt. Von ganz anderer Be-deutung wird es für die, welche Rcaldefinitionen, d. h. Urteile über das Wesen derSache abgeben wollen. Der Realdefinition in ihrer älteren, von den Alten wie von Hegelund Lorcnz Stein gebrauchten Bedeutung liegt die unhaltbare Vorstellung zu Grunde,die Worte und Begriffe enthielten, gleichsam wie in einem vollendeten Spiegel, daserschöpfende Abbild der Welt in sich. In Wirklichkeit beruhen die Worte oft auf einemunklaren oder falschen Vorstellungsinhalt, jedenfalls stets auf einem von dem geistigenHorizont der Gebraucher abhängigen. Daraus erklärt es sich, daß die genialsten, mitdem reichsten Vorstellungsinhalt ausgestatteten Menschen beim Gebrauch der Worte, vorallem der allgemeinen Begriffe, sich am meisten denken können und dementsprechend ausdem Begriff, d. h. aus ihrem verhältnismäßig reichen Vorstellungsinhalt, mehr entwickelnkönnen. Es ist ferner richtig, daß, je weiter eine Wissenschaft bereits ist, sie desto mehrdie von ihr gewonnenen Wahrheiten und Kausalzusammenhänge in die Definitionihrer obersten Begriffe hineinverlegen kann; denn diese gehören zu den wesentlichstenMerkmalen, zu den für das Wort wesentlichsten Vorstellungen. Für die gewöhnlichenMenschen aber gehören die allgemeinsten Begriffe zu den leersten; und es ist daher dieMeinung, daß mit dem rechten Begriffe der Wirtschaft oder der Arbeit, mit der Aus-einandcrlegung dieses Begriffes das Wesen der Volkswirtschaft gegeben sei, eine außer-ordentlich gefährliche und irreführende. Sie verbindet sich überdies häufig mit derschiefen mystischen Vorstellung eines einheitlichen Begriffsscheinatismus, der rein logischeine Erscheinung aus der anderen ohne Zuhülfenahme der Erfahrung entstehen lassen könne.Nur das ist richtig, daß alle Begriffe innerlich zusammenhängen, weil wir jedes Wortwieder mit anderen definieren, weil die Abgrenzung des eiuen Wortes immer zugleichdie der Nachbarbegriffe einschließt.

Deshalb enthält jede Begriffsbildung zugleich eine Klafsifikation der Erscheinungen,die um so bedeutungsvoller wird, wenn man eine Summe in Zusammenhang stehenderErscheinungen nach einem bestimmten Gesichtspunkte oder Systeme so einteilen will, daßdie einzelnen Klassen gleiche Glieder einer Reihe bilden und die Gesamtheit planvollerschöpfen. Hier wird eine Anordnung und Verteilung erstrebt, um eine Gruppe vonErscheinungen in unserem Geiste am besten zu ordnen; es handelt sich um einen Kunst-griff, welchen die Gewalt über unser Wissen mehren soll, um eine höchst wichtige wissen-schaftliche Thätigkeit, die nur auf Grund genauester Kenntnis alles einzelnen und aufGrund eines Überblickes über das Ganze, über alle Ursachen und Folgen gut aus-zuführen ist. Da diese Voraussetzung aber nicht leicht vollständig zutrifft, so Ver-fährt auch die klassifikatorische Begriffsbildung hypothetisch und provisorisch uud istimmer wieder neuer Verbesserungen fähig. Unter den Klassifikationen kann man dieanalytischen und genetischen unterscheiden. Wenn A. Wagner die gesamten volkswirt-schaftlichen Erfcheinungen in ein privatwirtschaftliches, gemeinwirtschaftliches und karita-tives System einteilt, so ist das eine analytische; wenn Hildcbrand Natural-, Geld-und Kreditwirtschaft trennt, wenn ich selbst Dorf-, Stadt-, Territorial-, Volkswirtschaftals historische Reihenfolge aufstellte, so sind das genetische, die historische Entwickelungandeutende Klassifikationen. Die Grenzen bei solcher Reihenbildung werden stets etwas