Nominal- und Realdefinition, Klassifikation. Wert der Begrifssbildung. 1YZ
unsicher sein, aber der Kern der Erscheinung, den man in den einzelnen Begriffen zufassen sucht, entspricht je einem eigenartigen Typus.
Richtige Begriffe und Klassifikationen sind eines der wichtigsten Hülfsmittel derWissenschaft, aber sie machen nicht die Wissenschaft als solche aus, sind nicht dieerste oder einzige Ausgabe derselben. Gute Definitionen könnte man scharfen Klingenvergleichen; man muß sie immer wieder schärfen, aus neuem Metall neue Klingenschmieden. Aber an alten Klingen immer nur herum zu hämmern. Klingen zu schmieden,wo nichts zu schneiden und zu scheiden ist, Worte definieren, die man in der Wissen-schaft nicht weiter gebraucht, hat wenig Sinn. Zeitweise Begriffsrevision ist nötig, wennneuer Erfahrungsstoff sich angesammelt hat nnd zu ordnen ist, wenn neue große Ge-danken andere Klassifikationen bedingen. Als die englische Naturlehre der Volkswirtschaftnach Deutschland übertragen wurde, waren schon wegen der Inkongruenz der deutscheuund englischen Worte scharfe Begriffsuntersuchungen, wie sie Hufeland, Lok und Hermannanstellten, wünschenswert. Auch heute wieder haben solche Untersuchungen ihren großenWert, und ein so scharfsinniger Gelehrter wie F. I. Neumann (Grundlagen der Volks-wirtschaftslehre, 1889; Schönbergs Handbuch, Wirtschaftliche Grundbegriffe; Natur-gesetz und Wirtschaftsgesetz. Z. f. St. 1892), der auch durch ausgezeichnete statistische undmethodologische Arbeiten sich auszeichnet, hat diese Teile unserer Wissenschaft erheblichgesördert. Aber eine unheilvolle Verirrung ist es, wenn man die Nationalökonomiefür eine Wissenschaft erklärt, welche nur die Funktion weiterer Scheidung der Begriffeoder des bloßen Schließens aus Axiomen und Begriffen habe. Dieselbe Bedeutung wiein der Jurisprudenz kann die Begriffsentwickelung in unserer Wissenschaft nie erhalten;denn jene hat ihren praktischen Hauptzweck in der richtigen Anwendung fest umgrenzterRechtsbegriffe, diese hat ihren wesentlichen Zweck in der Erklärung realer Vorgänge;sie will deren typische Erscheinung beschreiben und kausale Verknüpfung aufhellen.
45. Die typischen Reihen und Formen, ihre Erklärung, dieUrsachen. Wie es überhaupt keine menschliche Erkenntnis ohne die Wiederholungdes Gleichen oder Ahnlichen gibt, so knüpft auch alle eigentliche volkswirtschaftlicheTheorie an die Erfassung der typischen Vorgänge, der Wiederholung gleicher Einzel-erscheinungen und Reihen von Erscheinungen, gleicher oder ähnlicher Formen an.
Die typischen Erscheinungen der Haus- und Gemeindewirtschaft, der socialenKlassen und der Arbeitsteilung fielen der denkenden Betrachtung zuerst iu die Augen;dann der Geldverkehr, die Steuern, die staatliche Wirtschaftspolitik. Es entstand ini17. und 18. Jahrhundert das Bild einer tauschenden Gesellschaft mit Markt und Ver-kehr, mit Stadt und Land, mit Grundbesitzern, Kapitalisten und Arbeitern. DieseGrundformen wollte man als notwendige, stets sich einstellende begreifen, sie aus gewissenPrämisien ableiten, ihre wirkliche Gestaltung im Einzelfalle an einem Ideale messen.Auch als man begann, die historische und geographische Verschiedenheit der volkswirt-schaftlichen Gestaltungen ins Auge zu fassen, richtete man sein Augenmerk zunächst aufdas im Wechsel sich Gleichbleibende, auf den typischen Rhythmus der Änderungen, aufdie regelmäßige Koexistenz gewisser Formen und Erscheinungen. Und als es der Statistikgelungen war, neben die qualitative die quantitative Beobachtung der gesellschaftlichenund volkswirtschaftlichen Verhältnisse zu stellen, war die typische Regelmäßigkeit derZahlenergebnisse von Jahr zu Jahr, wie von Land zu Land ebenfalls das, was zuerstins Auge fiel. Auch die Veränderungen, die man beobachten konnte, wiesen teilweise aufeinen typischen Gang hin, der bei verschiedenen Völkern in verschiedenen Epochen sichgleichmäßig wiederholt, wie z. B. die Übervölkerung. Es lag der erste große Fortschrittder Wissenschaft in dieser Erfassung qualitativer Formen und quantitativer Maßbcstimmungderselben; für einen erheblichen Teil unseres volkswirtschaftlichen Wissens sind wir heutenoch nicht weiter. Die Vorstellung solch' schematicher Formenbilder und Reihen istschon an sich ein Element der Ordnung der Vorstellungen, ein heuristisches Hülfsmittel,Vergangenheit und Zukunft zu verstehen.
Aber natürlich weisen solche Typen und Reihen, solche Formen und Regelmäßig-keiten auf eine tiefere Erklärung hin. Und so sehr man von Anfang an in ihnen die