Teil eines Werkes 
1 (1900) Begriff : psychologische und sittliche Grundlage ; Literatur und Methode ; Land, Leute und Technik ; die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft
Entstehung
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Wesen von Ursache und Folge. Mechanische nud psychische Kansalität,

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Wir wissen heute, daß die psychische Kausalität eine andere ist als die mechanische, aberwir betrachten sie als eine gleich notwendige. Wenn wir einen Menschen ganz durch-schauen, wenn wir einen Volkscharakter vollständig kennen, so deduzieren wir mit voll-ständiger Sicherheit aus ihm. Wir glauben nicht mit den materialistischen Statistikern,daß ein blindes Schicksal jährlich so vielen Menschen die Pistole zum Selbstmord in dieHand drücke, aber Wohl, daß bei der gleichmäßigen Fortdauer bestimmter moralischerund materieller Zustände in der gleichen Zahl von Selbstmorden und Verbrechen einnotwendiges Kausalergebnis liege. Wir finden die Freiheit des sittlichen Charaktersnicht in der Leugnung der psychischen Kausalität, sondern in der Anerkennung derindividuellen Energie als des wichtigsten Faktors unserer Entschließungen, in derGarantie, die der edle, durchgebildete Charakter giebt, nur gut handeln zu können.Wir finden die Berechtigung der Strase für den Verbrecher gerade darin, daß die Strasenicht bloß die Antwort auf eine einzelne That, sondern auf eine lange innere Geschichteist, die bis zum Verbrechen mit Notwendigkeit führt.

Aber wir fragen, wie ist es möglich, den Menschen, die Menschen und alle Menschenso zu kennen, daß wir Sicheres aus ihrer Psyche schließen können. Die Psychologie istuns der Schlüssel zu allen Geisteswissenschaften und alfo auch zur Nationalökonomie.Wir wissen, daß das Einfachere in ihr seit Jahrtausenden allen Denkern klar ist, weiles auf der inneren Wahrnehmung, der sichersten Quelle aller Erkenntnis, beruht. Daherist es auch erklärlich, daß das Verständnis für gewisse elementare psychologische Ver-ursachungen sehr alt ist; und so mußte es auch für die Nationalökonomie, die sich inder Epoche des Tausch- und Geldverkehrs ausbildete, nahe liegen, aus dem egoistischenErwerbstrieb deduktiv zahlreiche Sätze abzuleiten; jeder Menschenkenner und jeder Poli-tiker wendet jeden Moment weitere derartige generelle psychologische Wahrheiten an, umdeduktiv aus ihnen vieles zu erklären. Aber von einer empirischen, wissenschaftlichvollendeten Psychologie, von einer ausreichenden psychologischen Völker- und Klassenkundekönnen wir leider heute doch noch entfernt nicht reden. Und gerade sie müßten wir anStelle der wenigen zu Gemeinplätzen gewordenen psychologischen Wahrheiten, mit denenwir jetzt haushalten, besitzen, um besseren Boden in der Volkswirtschafts- und Staats-lehre unter den Füßen zu haben. Jeder Forscher, der uns die Industrie eines Volkes,der uns nur die Arbeiter eines Fabrikzweiges vorführt, beginnt mit einer psychologischenZeichnung; bei jedem allgemeinen Schluß über die Wirkung einer Institution, einerVeränderung von Angebot und Nachfrage auf die Entschließungen der Menschen handeltes sich darum, die psychologischen Zwischenglieder der Untersuchung richtig zu bestimmen.Aber die Frage ist immer, ob und in wie weit man diese psychischen Faktoren genaugenug kenne, in ihrer unendlichen Kompliziertheit beherrsche, ob man ihr Zusammen-wirken mit den entsprechenden natürlichen Ursachen überhaupt ganz verfolgen könne.

Und es wird kein Zweifel sein, daß wir in Bezug auf die kompliziertesten Zu-sammenhänge in den Geisteswissenschasten überhaupt die Strenge der Naturwissenschaftennicht leicht erreichen können. Zumal das wenige, was wir über die entferntere Ver-gangenheit wissen, wird uns nie in den Stand setzen, den Gang der Geschichte alseinen absolut notwendigen zu verstehen, wir werden zufrieden sein, wenn wir ihn nurim allgemeinen begreiflich und verständlich finden. Das Individuelle, das das Schicksaljedes Volkes hat, liegt eben in der Kompliziertheit der Kausalitätsbeziehungen. Nirgendswiederholt sich da ganz dasselbe Schauspiel, wie freilich auch kein einziger Baum aufErden ganz das Abbild eines anderen ist. Wir werden in Bezug auf das Gesamtschicksalder Völker, auch in Bezug auf ihr wirtschaftliches, niemals zu einer ganz sicheren Vor-aussagung kommen, weil wir nie die gesamten Ursachen einheitlich überblicken, sie quan-titativ messen können.

Aber trotzdem werden wir uns nicht abschrecken lassen, immer wieder die Kausalitäts-verhältnisse so genau als möglich zu erfassen, um so viel als möglich zu verstehen undvoraussagen zu können. Und vieles haben wir schon erreicht, noch mehr werden wirerreichen. Wir stehen erst am Ansänge einer methodischen Erkenntnis der Zusammen-hänge. Zu ihr gehört es nun vor allem, daß wir uns für jede volkswirtschaftliche