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In Paris und den dortigen akademischen Kreisen, im Journal äss Loonomistes(seit 1842) und der Buchhandlung Guillaumin blieb die alte Saysche Schulweisheit,wie wir schon erwähnt, bis in die Gegenwart vorherrschend. Aber neben ihr wirktennicht bloß Sismondi, die socialistischen, schutzzöllncrischen uud kirchlichen National-ökonomen, sondern stets auch eine Schule praktischer Kenner des wirklichen Lebens,wie Leon Faucher lMuäes sur 1'^.nglsterrs, 2 Bde., 1856) und Leon de la Vergne(Monoinis i-urals äs 1a IranLk äsxuis 1789, 1860). Die französischen Arbeiter- undJndustrieverhältnisse fanden eine Reihe von hervorragenden Bearbeitern in Gvrando,Villermve, E. Laurent, Audiganne, Reybaud, I. Barbaret. Niemand aber hat die Be-obachtung und Beschreibung der socialen Gegenwart so energisch in die Hand genommen,wie der große Ingenieur Le Play , der erst auf Jahrzehnte langen Reifen eine großeZahl zutreffender Beschreibungen der wirtschaftlichen Lage der unteren Klassen sammelte(I,<zs ouvrisrs euroxsens, 6 Bde., 1877—79), ehe er, ähnlich wie der Belgier Ducpvtiaur,dieses Material zu vergleichenden Haushaltungsbndgets zusammenstellte, damit eiueuganzen eigenen Zweig der Litteratur und Untersuchung schuf; an dieses Material lehntensich auch seine konservativ und christlich gehaltenen Vorschläge über Wiederherstellungeines patriarchalischen Familienverhältnisses und patriarchalischer Arbeiterverhältnisse an(I>a retormö soeials sn Graues, 1864). Er hat Schule gemacht in Frankreich ; seineGedanken und Bestrebungen werden Von einer Zeitschrift (la, rstorms sociale, seit 1881)und einem Verein Gleichgesinnter fortgeführt. Neuerdings hat Graf Maroussem vorallem derartige Beschreibungen in ausgezeichneter Weise geliefert.
Die eigentliche Wirtschaftsgeschichte hatte in Frankreichs alten gelehrten Tra-ditionen ebenfo einen Boden, wie sie durch die neue Blüte historischer Studien unterGuizot uud Thierry angeregt wurde. Depping schrieb seine Geschichte des Levautehandels(1830) und gab das livis clss mstiers aus dem 13. Jahrhundert heraus (1837). GuerardVeröffentlichte seine grundlegenden Untersuchungen über die Wirtschaftszustande unter Karldem Großen (?otiti<iuö äs l'adbö Irminon, 2 vol. 1836 u. 1844). Pierre Element ließseinen beschreibenden Werken über Colbert (1846, 1854) seine großen Archivpublikationenüber ihn folgen (1861—73), die bald weitere ähnliche Unternehmungen in Bezug aufMazarin, Richelieu, Ludwig XIV. , sowie in Bezug auf die Korrespondenz der Intendantenund Generalkontrolleure des alten Regimes nach sich zogen. E. Levasseur schrieb seinebelehrende französische Wirtschaftsgeschichte in vier Bänden unter dem Titel Listoirs clssolasses ouvrlei'ss en ?ranos (1859—67), H. Wallon feine Geschichte der Sklaverei imAltertum (3 Bde., 1847 u. 1879), H. Baudrillart seine Geschichte des Luxus (4 Bde.,1880). Und zahlreiche Monographien über die Agrar-, Handels- und Gewerbegeschichteeinzelner Provinzen und Städte, über die Verwaltung im ganzen, den auswärtigenHandel bestimmter Epochen, die Geschichte der Finanzen wie einzelner Verwaltungszweigegehen diesen umfassenderen Arbeiten parallel.
Von 1880 an erhob sich unter den neuangestellten Professoren der National-ökonomie an den französischen Rechtssakultäten, deren Führung Cauwes in Paris uudGide in Montpellier zufiel, ein ganz neuer Geist unabhängiger Forschung, der mit demdeutschen nahe verwandt ist, und der dazu führte, daß die betreffenden hauptsächlich inVerbindung mit deutschen Gelehrten die neue Zeitschrift Usvue ä'eooiwmiö xoliticinevon 1887 an gründeten.
Es ist hier nicht möglich, auch in Bezug aus die Vereinigten Staaten, Italien uud andere Länder den Umschwung im wissenschaftlichen Betriebe der ökonomifchen undsocialen Studien zu schildern. Wir erwähnen nur noch, daß in Belgien Emil de Laveleyedurch eine Reihe von bemerkenswerten Werken, hauptsächlich durch seine Geschichte desälteren Gemeindeeigentums (Ureigentum, deutsch von Bücher, 1879) die Forschung zurGeschichte uud zur Beobachtung der Wirklichkeit zurückgelenkt hat. Im übrigen magdie Bemerkung genügen, daß die alte abstrakte, dogmatisch-naturrechtliche Behandlungüberall in dem Maße noch stärker vorhält, wie die geistige und die sociale Entwickelungder betreffenden Länder eine langsamer voranschreitende ist.