Teil eines Werkes 
1 (1900) Begriff : psychologische und sittliche Grundlage ; Literatur und Methode ; Land, Leute und Technik ; die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft
Entstehung
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122 Einleitung. Begriff. Psl)cholvgischc nnd sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

5V. Das Ergebnis der neueren Forschung, der heutige Stand-punkt der Wissenschaft. Wenn wir sragcn, was mit allen diesen großen Fort-schritten der Einzelcrkcnntnis im Gebiete dcr volkswirtschaftlichen Erscheinungen erreichtsei, so können wir auf der einen Seite mit Hütten rufen,es ist eine Lust zu leben".Unser Wissen ist außerordentlich gewachsen, in die Tiefe und in die Breite; wir habenMethode und Sicherheit in unsere Forschung gebracht. Wir wollen nicht mehr aus wenigenabstrakten Prämissen alle Erscheinungen erklären und Ideale für alle Zeiten und Völker ausihnen ableiten. Wir sind uns der Grenzen unseres gesicherten Wissens, dcr Kompliziertheitder Erscheinungen, der Schwierigkeit der Fragen bewußt; wir stecken noch vielsach inder Vorbercitung nnd Materialsammlung; aber trotzdem stehen wir mit anderer Klarheitals vor 100 und vor 50 Jahren dcr Gegenwart und der Zukunft gegenüber, geradeweil wir so viel Genaueres über die Vergangenheit heute wissen.

Freilich kommt von der anderen Seite der EinWurf: ja, ihr mögt mehr imeinzelnen wissen; aber es fehlt all' dem die Einheit und die Wirkung aufs Leben.Streiten nicht, sagt man, die Parteien und die Klassen heute noch mehr aus wirtschaft-lichem und socialem Gebiete als in den Tagen A. Smiths und Raus? Erheben sichnicht wieder von vielen Seiten gegen die herrschenden wissenschaftlichen Autoritäten neueLehren und die alten Schulen in verjüngter Form: das Manchestertum ist noch langenicht ausgestorben, gegen die Vertreter der socialen Reform erheben sich mit Macht dieder Kapital- und Unternchmerinteresscn, wie z. B. Julius Wolf (Socialismus undkapitalistische Gesellschaftsordnung, 1892). Der Socialismus scheint vielen noch zuwachsen. Unter den führenden Autoritäten der Wissenschaft selbst herrscht über Methodeund Resultate noch so viel Streit, daß es scheinen könnte, die Sicherheit unseres Wissenshabe sich kaum verbessert.

Wer aber nicht grämlich und verzagend die Dinge betrachtet, der wird hieraufantworten, daß über die praktische Politik der Streit immer vorhanden war und nichtaufhören kann, daß aber über eine steigende Zahl der wichtigsten Fragen doch zwischenden verschiedensten Richtungen eine erfreuliche Einigkeit sich bildet. Man wird danebenzugeben, daß zahlreiche neue Elemente und Teile unseres Wissens noch in Gärung sichbefinden, daß es sich noch darum handelt, aus der Summe neuer Einzelerkenntnisse dieallgemeinen Resultate zu zieheu, eine neue, einheitliche Wissenschaft herzustellen. Aberwir können behaupten, daß wir doch im ganzen diesem wissenschaftlichen Ziele unsnähern; wir können hoffen, daß die mächtig fortschreitende, gesicherte empirische Einzel-erkenntnis mehr und mehr von Männern zu einem Ganzen verbunden werde, welchezugleich durch universale Bildung, durch Charakter und sittlichen Adel sich auszeichnen;geschieht das, so werden auch die heutigen großen Fortschritte dcr Volkswirtschaftslehregute praktisch-politische Früchte tragen.

Die allgemeinen Gedanken und Ziele aber, welche den besten neueren volkswirt-schaftlichen Werken in ihrer großen Mehrheit an die Stirne geschrieben sind, dürftenfolgende sein: 1. die Anerkennung des Entwickelungsgedankcns, als dcr beherrschendenwissenschaftlichen Idee unseres Zeitalters; 2. eine psychologisch-sittliche Betrachtung,welche realistisch von den Trieben und Gefühlen ausgeht, die sittlichen Kräfte anerkennt,alle Volkswirtschaft als gesellschaftliche Erscheinung auf Grund von Sitte und Recht,von Institutionen und Organisationen betrachtet; das wirtschaftliche Leben wird sowieder in Zusammenhang mit Staat, Religion und Moral untersucht; aus der Geschäfts-nationalökonomie ist wieder eine moral-politische Wissenschaft geworden; 3. ein kritischesVerhalten gegenüber der individualistischen Naturlehre, wie gegenüber dem Socialismus,aus welchen beiden Schulen das Berechtigte ausgesondert und anerkannt, das Verfehlteausgeschieden wird; ebenso die Zurückweisung jedes Klassenstandpunktes; statt dessen dasklare Streben, sich stets auf den Standpunkt des Gesamtwohles und dcr gesunden Ent-wickelung der Nation und dcr Menschheit zu stellen; von hier aus Anerkennung daßdie moderne Freiheit des Individuums und des Eigentums nicht wieder verschwindenkönne, aber doch zugleich eine steigende wirtschaftliche Vergesellschaftung und Verknüpfungstattfinde, die zu neuen Institutionen und Formen der Einkommensverteilung führen