Teil eines Werkes 
1 (1900) Begriff : psychologische und sittliche Grundlage ; Literatur und Methode ; Land, Leute und Technik ; die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft
Entstehung
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124 Einleitung. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode.

Dieser hat die Volkswirtschaftspolitik und die Finanzwissenschaft von der Volkswirtschafts-lehre getrennt, in der Volkswirtschaftspolitik die Tagesfragen des Agrar-, Gewerbe- undHandelswesens unterschieden; in der Volkswirtschaftslehre betrachtete er im Anschluß anSmith die Kräfte als ein im ganzen von Staat, Verwaltung und Politik unabhängigesSystem, hatte dabei in erster Linie die Produktions- und die Verkehrserscheinungen aufGrund der freien Konkurrenz im Auge; seine Volkswirtschaftspolitik war dazu die not-wendige Ergänzung und Korrektur. Nach den: Standpunkt unserer heutigen Erkenntnisist der Staat und die Wirtschaftspolitik auch in den allgemeinen Lehren der Volks-wirtschaft nicht zu ignorieren. Und eben deshalb hat man mit Recht andere Namen fürdie zwei Teile gewählt, und hat mit den anderen Namen den Teilen auch eine andereBedeutung gegeben. Man scheidet heute überwiegend von der Finanzwissenschaftabgesehen allgemeine und specielle Volkswirtschaftslehre und versteht unter derersteren den Versuch eines systematischen Überblickes über unser gesamtes volkswirtschaft-liches Wissen, ohne Eintreten in die Specialfragen der Gegenwart, des eigenen Landes,der einzelnen Hauptzweige der Volkswirtschaft. Von den großen Zügen der Wirtschafts-politik muß in dieser allgemeinen Volkswirtschaftslehre ebenso die Rede sein, wie ihre Aus-führung im einzelnen der speciellen Volkswirtschaftslehre überlassen bleibt. Die allgemeineLehre sührt die typischen Organe und Einrichtungen, die wesentlichen Erscheinungen undBewegungsvorgänge der Volkswirtschaft nach ihrer Struktur bei den Hauptkulturvölkern,sowie nach ihrer historischen Entwickelung im ganzen vor. Sie will dem Anfänger einenUmriß geben, für den Sachkenner das einzelne in seinen großen Zusammenhang stellen.Sie muß einen sociologischen, ethischen, philosophischen Hintergrund haben, während diespecielle Volkswirtschaftslehre, mit der Gegenwart und ihren socialen und volkswirt-schaftlichen Tagesfragen beschäftigt, den Blick auf die eigene Volkswirtschaft und höchstensihre Nachbarn konzentriert, praktisch verwaltungsrechtlich vorgeht, empirisch das einzelneuntersucht. Die Nebeneinanderstellung dieser zwei Hälften hat sich bewährt; sie ergänzensich nach Stoff und Methode. Unser Grundriß will in zwei Hälften oder Bänden nurdie allgemeine Volkswirtschaftslehre geben.

Die Systematik oder Stoffeinteilung, die ich dabei befolge, habe ich in meinenVorlesungen feit 35 Jahren ausgebildet; sie geht von ähnlichen Gesichtspunkten auswie die Versuche einer neuen Einteilung bei Stein, Schäffle, Cohn. Die alte Gliede-rung des Stoffes nach Produktion, Verkehr, Konsumtion entsprach dein wissenschaftlichenStandpunkt und Bedürfnis des naturrechtlich -kameralistischcn Vorstellungskreiscs zu An-fang unseres Jahrhunderts. Heute scheint sie mir überlebt und falsch; der philosophisch-historische Standpunkt der Gegenwart mit seiner Anlehnung an die Ethik und Sociologieeinerseits, an die Naturwissenschaften andererseits, mußte nach einer anderen Gliederungsuchen, und auch die neueren Anhänger der alten Einteilung haben dies nicht verkannt.Ich komme auf die Stoffeinteilung gleich zurück. Ich möchte hier über die Systematiknur sagen: jcde Einteilung ist berechtigt, welche, der Methode und dem Stoffe angepaßt,das Zusammengehörige nebeneinander stellt, in der Reihenfolge der Abschnitte eineplanvolle Leitung nnd Belehrung des Lesers beabsichtigt und erreicht.