501j
Wesen der Konkurrenz.
U!
158. Wesen derselben, verschiedene Beurteilung in den entgegen-gesetzten Schulen. Im Anschluß an die vorstehenden Ausführungen über Verkehr,Marktwesen und thatsächliche Handelsorganisation erscheint es am richtigsten, dasWesen der Konkurrenz zu erörtern; in einzelnem.der Wertlehre vorgreifend, bereitenwir damit andererseits das Verständnis derselben vor.
Wir beginnen mit der Frage: Was verstehen wir unter Konkurrenz, unter Wett-bewerb? LonLurrere heißt zusammen-, neben einander herlaufen. Wir denken dabeijedensalls an einen gesellschaftlichen Vorgang, an dem mehrere beteiligt sind, Siekonkurrieren, wenn sie ein gemeinsames Ziel erreichen wollen; sie streben nach ein unddemselben; sie wissen, daß sie einen Wettlauf unternehmen, daß das Ziel von ihnenje nach ihren Kräften, ihrer Anstrengung früher oder später, besser oder schlechter, ganzoder halb oder gar nicht erreicht wird. Wir sprechen von Konkurrenz im allgemeinenüberall da, wo Machterfolge, Ehre, Vorteile, wirtschaftliche Güter nicht in unbegrenzterMenge vorhanden sind, wo die Beschränktheit des Erstrebten den Wettbewerb, ja denKampf der Menschen oder der menschlichen Gemeinschaften erzeugt. Um das, was jederohne weiteres im Überfluß haben kann, wird nicht konkurriert. Das Ziel der Kon-kurrenz ist immer ein solches, daß nur einer oder eine bestimmte Zahl es erreicht, oftso, daß, wenn es sich um eine Mehrzahl von Siegern handelt, sie in eine Reihegeordnet werden; häufig so, daß es Sieger und Ausgeschlossene giebt, mindestensso, daß eine Hierarchie von viel und wenig Erreichenden entsteht. Die Art derEntscheidung der Kämpfe ist die allerverschiedeustei bald ist es der brutale Kampf,bald der Ausfpruch eines Schiedsgerichts oder der öffentlichen Meinung, bald sind essreie Verträge, die erstrebt, abgeschlossen oder abgelehnt, günstig oder ungünstig gestaltetwerden.
Die Konkurrenz ist nichts anderes als der Kampf ums Dasein; die Individuen,die Stämme, die Völker haben nie ohne Reibung und Wettbewerb, ohne Kampf gelebt,so sehr Moral, Sitte und Recht, gemeinschaftliche Gesühle und Interessen den Streitda und dort ausgeschlossen oder gemildert haben. Der Trieb nach Anerkennung, nachThätigkeit, nach Ersolg hat wie das menschliche Selbstgefühl bei etwas höherer Kulturden Rivalitätstrieb erzeugt. Er hängt mit den selbstischen Gefühlen, der Eigenliebe,dem Hochmut, dem Bessersein- und Besserwissenwollen zusammen; er kann zum Unrecht,zur Gemeinheit, zur Ungerechtigkeit, zur Gewaltthat sühren; aber er ist zugleich dieSchule der Thatkraft, der Energie, des Fortschritts. Ohne Rivalität und Konkurrenztritt Stillstand ein. Das Leben entwickelt sich nur durch Krastproben, durch Kräfte-Messung (I, S. 31).
Die Völker konkurrieren um die Weltherrschaft und den Weltmarkt, die politischenParteien und socialen Klassen um Einfluß und Macht in der Staats- und Kommunal-verwaltung, die Provinzen, Kreise und Gemeinden um Eisenbahnen und Straßen, umFörderung aller Art. In jedem gesellschaftlichen Kreise konkurrieren die Glieder umAnsehen und Ehre, in jedem Beamtcnkörper die einzelnen um Beförderung, Gehalt undAuszeichnung, in jeder Schule die Schüler um die höheren Plätze und Prädikate.
Die wirtschaftliche Konkurrenz setzt einen Markt mit Käufern und Verkäufernvoraus. Die Anfänge desselben entstanden mit dem ersten Verkehr. Aber er warlange so beschränkt, alle Wirtschaft war lange so überwiegend Eigenwirtschaft derFamilie sür den eigenen Verbrauch, daß mit dem geringen und engen Marktverkehrauch die Konkurrenz sehr gering war. So weit Überschüsse erzeugt wurden, übrigeArbeitskraft vorhanden war, forderte sie der Grundherr, die Gemeinde, die öffentlicheGewalt nach Sitte und sester Rcchtssatzung. Auch so weit Gemeinde- und Stammes-mitglieder auf dem Markte tauschte», betrachteten sie sich lange mehr als Freunde, diesich Gefälligkeiten erwiesen; nur soweit Fremde mit Fremden tauschten, entstand eigentlicheKonkurrenz, sreilich auch nicht ohne Schranken und Ordnungen aller Art. Erst wodie Geldwirtschaft siegte, die Märkte größer, aller Verkehr unpersönlich wurde, erst alsin den vergrößerten Staaten ein freier, innerer Verkehr sich ausbildete, zwischen denStaaten das Völkerrecht Ähnliches erlaubte, entstand die gesellschaftliche und wirtschaft-