Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
Entstehung
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140 Drittes Buch- Der gesellschaftliche Prozeß des Güterumlaufes u. der Einkommensverteilung, ^598

ca. 400 000 Familien zu durchschnittlich 9-10 000 Mk. verzehren 3 572 Millionenca. 2,5 Mill. 1300-1400 3 685

ca. 4,5...... 6-700 3 172

10 429 Millionen.

Die Summe bleibt hinter der oben angegebenen noch zurück, da hier die zehn-prozentigen Zuschläge (die ich nach Soetbeer wegen Mindereinschätzung beifügte) sehlen.Beide Schätzungen, die obige und diese, sind wahrscheinlich wesentlich zu gering, aberdie Verhältniszahlen dürften richtig sein. Je etwa ein Drittel des Volkseinkommenswird von den Wohlhabenden, dem Mittelstande und den untern Klaffen verzehrt.

Nach einer Berechnung Soetbeers nahmen 1886 im Vereinigten Königreich dieLeute mit über 3000 Mk. Einkommen die Hälfte des ganzen Nationaleinkommens ein;in Preußen verfügten dieselben also nur über etwa 33 Prozent. In den deutschenKleinstaaten mit relativ gleichmäßiger Vermögensverteilung ist die Quote nicht ganzfo hoch; in sehr reichen kleinen Gebieten aber ist sie doppelt so hoch, z. B. in Hamburg und in Bremen ; an letzterem Orte hatten die Leute mit über 3000 Mk. Einkommen1399 66,2 Prozent des Gesamteinkommens zur Verfügung.

Was folgern wir aus diesen Zahlen und zwar zuerst aus denen für ganze Länderfür die Nachfrage. Zunächst wiederhole ich die obige Einschränkung: der Wohlstandund die Nachfrage ist in Geld seit 200 Jahren pro Kopf Wohl auf das 24 fache,in Wirklichkeit entfernt nicht fo gestiegen; in den letzten 50 Jahren aber zeigen diehistorischen Zahlenveränderungen allerdings wohl das Maß der gestiegenen Nachfrageannähernd richtig an, da der Geldwert sich nicht sehr änderte, die begehrten Güterteilweise billiger, teilweise (Wohnung, Fleisch u. s. w.) teurer geworden sind. Die Zahlenvon 1800 sind auch zu beschränkt, um viel aus ihnen zu schließen; die von 1800 bis1850 entsprechen dem nur mäßigen Fortschritt des Wohlstandes im allgemeinen, beischlechter Lage der unteren Klassen; die für 1850 1900 entsprechen den großen Fort-schritten der Technik und des Gesamtwohlstandes, aber sie lassen ganz offen, wie diegrößere Nachfrage sich auf die verschiedenen Klassen verteile. Die Zunahme derNahrungsmittelnachsrage allerdings haben wir schon näher kennen gelernt. Die Steigerungdes Einkommens wird teils ihr und ihrer schwierigeren und teuren Beschaffung, teilsaber auch den übrigen Bedürfnissen zu gute gekommen sein. Man wohnt heute besser,kleidet sich besser, reist mehr, giebt für Schule, Bildung, Kunst, Gemeinde und Staatsehr viel mehr aus.

Aber immer bleibt für die Mehrzahl der Menschen das Einkommen in seinerGesamthöhe die enge unerbittliche Grenze für alle Nachfrage. Es würde von denmeisten Menschen auch heute sehr viel mehr begehrt werden, wenn das Einkommengrößer oder die Güter und Leistungen viel billiger wären. Aber diese Grenze, dieseWirkung der Größe des Einkommens ist sür die verschiedenen Klassen und ihre Be-dürfnisse in sehr verschiedener Weise maßgebend. Wir kommen damit zur Wirkung derEinkommensverteilung auf die gesamte nationale Nachfrage.

Der Ausgangspunkt der Entscheidung für den Reichen wie für den Armen istdas Verhältnis seines Einkommens zu seinen einzelnen Bedürfnissen. Die Familie,welche 600 Mk. zu verzehren hat, wie die mit 113 Millionen steht vor der Frage,wie sie ihr Einkommen aus die möglichen wirtschaftlichen Zwecke und Bedürfnisse,weiterhin auf Verbrauch und Ersparnisse zu verteilen habe. Und sür jede verschiedeneEinkommensgröße, für jede sociale Klasse wird sich eine Hierarchie der Bedürfnisse undZwecke ergeben; sie wird aus physiologisch-natürlichen Notwendigkeiten, aus sittlichenUrteilen über das Heilsame und Normale, über das Gute und Anständige, aus indi-viduellen Neigungen und klassenmäßigen Maßstäben sich ergeben. Sitte und Nach-ahmung spielen dabei eine Hauptrolle. Alle Steigerung der Bedürfnisse, alle ver-mehrte Nachfrage erfolgt zunächst in den oberen Klassen, erscheint so lange als Luxus,als die Änderung sich auf sie beschränkt; so weit aber die Mittel reichen, ahmt zuerstder Mittelstand, dann auch der dritte Stand das Neue nach; es wird so zuletzt all-