773)
Gleitende Lohnskalen. Die Lichtseite des Lohnjchwankens.
315
moralisch und socialpolitisch gut wirken, sosern die Arbeiter in der günstigen Konjunkturihren Lohn und ihre Lebenshaltung steigern, in der ungünstigen möglichst für Erhaltungdes Bestehenden kämpfen. Und Derartiges traf neuerdings für die höheren Arbeiter-schichten sehr vielfach zu; aus dieser Thatsache schöpfen wir unsere socialpolitischen Hoff»nungen für die Zukunft, die Hoffnung auf ein Steigen der Löhne und der Lebens-haltung sür die nächsten Generationen.
Natürlich hängt eine solche Entwickelung nun von vielen und komplizierten Ur-sachen ab, wie wir schon oben sahen. Die Rasse und der Volkscharakter, der körperlicheund psychische Habitus der Menschen, die moralischen und geistigen Kräfte, die Bildungund Entwickelungsfähigkeit, vor allem aber auch die Staats- und Gemeindeverfassung,das ganze Bildungswesen, die gesamten socialen Institutionen, in erster Linie die be-stehende Arbeitsverfassung, entscheiden. Es ist hier der Punkt, von dem aus wir verstehen,wie die wirtschaftlichen Institutionen die Lebenshaltung und den Lohn beein-flussen und beherrschen. Wir haben schon zu Anfang des vorigen Paragraphen daraufhingewiesen, daß eine tiefstehende Arbeiterklasse die Haussckonjunktur nicht zur dauerndenVerbesserung der Lebenshaltung benutzen werde, in der Baiffekonjunktur sich leicht anschlechteres Leben gewöhnen, daß aber eine hochstehende, tüchtige Arbeiterklasse sich um-gekehrt Verhalten werde. Die Volksschule, die steigende technische Bildung, das Arbeiter-vereinswesen, die Hülfskassen heben das Selbstbewußtsein, das Streben nach Vorwärts.Die nie fehlenden günstigen Konjunkturen wurden von der oberen Hälfte des Arbeiter-standes wenigstens im ganzen richtig benutzt. Natürlich fehlte auch hier nicht dieGefahr, daß in solcher Zeit gepraßt, getrunken, in den Tag hinein geheiratet wurde.Aber es wurde doch von den besseren Elementen zugleich gespart, die Wohnung undKleidung wurde besser. Die Bevölkerung wuchs nicht mehr so rasch und so proletarisch.Die Leute traten der nun kommenden ungünstigen Konjunktur anders als früher gegen-über; sie wanderten eher weg oder gar aus, ergriffen einen anderen Beruf, die Ehe-frequenz und Kinderzahl nahm etwas ab; sie kämpften energisch gegen jede Lohnreduktionund behielten so auch in den ungünstigen Jahren einen Teil der vorher erkämpftenLohnsteigerung, weil sie ihn zu einer besseren Lebenshaltung verwendet hatten.
d) Es geht wohl zu weit, wenn Röscher, an Derartiges denkend, sagt: die Be-stimmung der Lohnhöhe hänge so in einem Hauptmomcnt von den arbeitenden Klassenselbst ab. Wenigstens dürfen wir nicht in pharisäischer Weise jeder Arbeiterklasse mirniedrigen Löhnen sagen, sie sei selbst schuld daran.
Wenn die Löhne teils schon früher in gewissen Industrien, allgemein aber von1850—1900 erheblich steigen, so lagen die Ursachen hievon teilweise in großen all-gemeinen Wirtschaftsänderungen und Konjunkturen, die dem Arbeiter im ganzengünstig waren, teils allerdings in der inneren Hebung der unteren Klassen,die wir in erster Linie auf die Verbesserung unserer gesamten politischen und socialenInstitutionen zurückführen. Wir können beide Ursachenreihen hier nicht erschöpfen; nurein paar Worte seien über jede gesagt. .
Die Wunder der modernen Technik, des heutigen Verkehrs, die Ausbildung desWelthandels, der Großindustrie schufen in den vorangeschrittensten Ländern seit 1340eine rasch wachsende Produktivität der ganzen Volkswirtschaft, einen so gestiegenenWohlstand, daß trotz aller Schwankungen und Krisen die Gesamtnachfrage nach Arbeitstärker stieg als das Angebot. Und dazu kam ein Weiteres: die Bewegung der Lebens-mittelpreise und des Geldwertes. Ihre Veränderungen beeinflussen bei zunächst gleich-bleibendem Nominallohn in sehr starker Weise den Reallohn; ungünstige Veränderungschmälert ihn, günstige vermehrt ihn leicht.
Der Arbeiter giebt 40—70 °/o seines Lohnes für Lebensmittel aus; hoher Preisderselben vermindert also seinen Reallohn, niedriger erhöht ihn. Ein dauerndes Preis-steigen Von Brot und Fleisch muß den Arbeiter schädigen, wie es 1780—1815. 1830bis 1860 geschah; der Arbeiter muß, wenn in solcher Zeit seine Lebenshaltung nichtherabgedrückt werden soll, in einen energischen Kampf für höheren Lohn eintreten; derSieg wird ihm leichter gelingen, wenn zugleich die Nachfrage nach Arbeit stark zunimmt.