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2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
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Würdigung der heutigen Einkommensverteilung.

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kleiner, die Abnahme viel stärker, wenn man Familieneinkommen statt Censiteneinkommenvor sich hätte. Bleiben immer unsere heutigen socialen Zustände für die unterenSchichten schlimm genug, sehr viel besser ist es in den letzten 4050 Jahren geworden,und es kann sich weiter bessern.

Die großen volkswirtschaftlichen Ursachen, Bevölkerungs- und Kapitalbewegung,Landüberfluß oder Landmangel, die Preisveränderungen des Weltmarktes bleiben eineHauptursache der ganzen Einkommensverteilung. Aber sie sind nicht die einzige undje nach Staats- oder Wirtschaftsverfassung oft nicht die wichtigste. Die ganze Wirt-schafts- und Socialpolitik ist zuletzt der entscheidende Regulator; eine feudale oderkapitalistische Klassenherrschaft kann leicht eine ungünstige sociale Einkommensverteilungerzeugen; eine gerechte über den Klassen stehende starke Monarchie und eine maßvolle,die sociale Reform fördernde demokratische Staatsverfassung können ausgleichend in dieEinkommensverteilung eingreifen. Wir kommen auf diese Zusammenhänge im letztenBuche, in dem Kapitel über die fociale Entwickelung zurück.

Im übrigen werden wir das Resultat unsererUntersuchung so zusammenfassenkönnen. Die neuere Entwickelung hat mit den steigenden Klassengegensätzen die Ver-mögens- und Einkommensungleichheit stark vermehrt; aber diese Veränderung erfolgtemehr stoßweise in den großen Aufschwungsperioden und sehr verschieden stark je nachVolksgeist, Staats- und Wirtschaftsverfassung. Die Bedrohung des Mittelstandes undHcrabdrückung der stark zunehmenden unteren Klassen hat in den verschiedenen Ländernsich ebenfalls je nach den mitwirkenden Ursachen sehr verschieden gestaltet und hat erheb-liche Gegenbewegungen erzeugt. Die Wechselwirkung der socialen Klassen unter einander,die steigende Gesittung und technische Bildung der Volksmassen bahnt, wo günstigewirtschaftliche Voraussetzungen mitwirken, Zeiten der Ausgleichung an. Die zunehmendeAusbildung aller Institutionen, die das Arbeitseinkommen beherrschen, geben diesemeine wachsende Bedeutung gegenüber dem Vermögenseinkommen. Das Arbeitseinkommenist an sich leichter als das Vermögenseinkommen gerecht zu verteilen. Die neuen heutigenFormen des Eigentums (Anteil an Aktien-, Genossenschaftsbesitz, Sparkassen u. s. w.) ge-statten auch den mittleren und unteren Klassen, leichter als früher an der Vermögens-rente teilzunehmen.

Eine wachsende Zahl von Familien mit ererbtem Vermögen ist, ob diePortionen etwas größer oder kleiner sein mögen, immer ein Fortschritt, wenn dieserBesitz die Erziehung, die Fähigkeiten, das Familienleben, die Charaktereigenschaften hebt,wenn er Kraftüberschuß für höhere Zwecke schafft. Aller Vermögensbesitz und besondersder große wird social schädlich, wo er nicht sowohl die Individuen und Familien aufhöheres geistiges und sittliches Niveau hebt, das Können, das Wollen, die Leistungensteigert, als zur Anweisung auf Lebensgenuß oder auf die Abwege der Faulheit, des über-triebenen Luxus, der frivolen Genußsucht sührt. Nur wird eine hohe wirtschaftliche Kulturnie ganz ohne solche Gefahren sich ausbilden können. Sie werden bedenklich, wennungesunde Tendenzen und Anschauungen die Massen ergreifen, wenn diese die faulenDrohnen auszustoßen und bei Seite zu schieben nicht mehr die Kraft haben. Ob undwo wir heute schon so weit sind, wird nicht leicht zu sagen sein: der Pessimist glaubtes, wer an seinem Vaterland nicht verzweifelt, hofft, daß wir das Faule überwindenwerden. Er hofft es vor allem, wenn er das kräftige und gesunde Aufsteigen der unterenKlassen und der Mittelstände beobachtet, das neue gesunde Blut, das in die oberenKlassen täglich einströmt, in Rechnung zieht.

Das praktische Gesamturteil über das Problem ist deshalb so schwierig, weil diezunehmende Ungleichheit des Einkommens zunächst ein Instrument des individuellennnd gesellschaftlichen Fortschrittes ist, von einem gewissen Punkte an aber freilich durchihre Wirkung auf die Individuen und die Gemeinschaft versteinernd, depravierend, ver-giftend wirkt.