Teil eines Werkes 
2 (1904) Verkehr, Handel und Geldwesen : Wert und Preis ; Kapital und Arbeit ; Einkommen, Krisen, Klassenkämpfe, Handelspolitik ; Historische Gesamtentwickelung
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Die Handelskrisen vor 181S.

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dem 16. und 17. Jahrhundert; die Aufschwungsperioden der Silberproduktion in Tirol,Ungarn, Böhmen und Sachsen von 12001600 erinnern an die kalifornisch-australischeund südafrikanische der Neuzeit. Der Aufschwung der Seeschiffahrt, des Sklavenhandels,des Kolonieerwerbs durch die westeuropäischen Staaten im 16. und 17. Jahrhunderterfolgte stoßweise; die damit verbundenen Konjnnkturenwechsel treten uns in Umrissenheute noch entgegen. In Holland erzeugte 16341637 der Tulpenhandel eine Speku-lation schwindelhafter Art, die mit einer Krisis endigte. Die Ausbildung Amsterdams zum ersten Anlehen- und Aktienmarkt der Welt konnte nicht ohne Übertreibungenbleiben. Aber deutlicher sahen wir diese Dinge doch erst von 16301740 an.

England hatte 16601720 einen großen Ausschwung seines Handels, seinerMarine, seiner Industrie erlebt, in glücklichen Kriegen seine Überlegenheit über Holland und Frankreich festgestellt; seine Aussuhr war 1663 1730 von 2 auf 11 Mill. Fgestiegen. Die Krisen von 1696, 1711, 1721, 1731 1732 waren die naturgemäßeFolge. Die Preistreiberei und der Aktienschwindel von 17131720 aus dem Londoner Markt war relativ blinder und maßloser als je später. Das Lawsche Gründungsfieberin Paris von 17151720 ging dem parallel. In Deutschland waren die Schwankungenzwar noch nicht so stark; aber sür den preußischen Staat glaube ich doch 16801705eine aufsteigende Konjunktur, 17051715 Stockung, Not- und Sterbejahre, 17151735allgemeine Besserung, 17361743 wieder Krisis und Stockung, 17451756 nochmalsaufwärtsgehende Konjunkturen nachweisen zu können. Frankreichs gesamter Außen-handel war von 1716 1755 von 200 auf 600 Mill. Frcs. jährlich gestiegen undsank nun in den Kriegsjahren 17551763 wieder auf 400, um bis 17851787 aus1100 zu steigen. Die Kriegsjahre 1755 1763 hatten so große tief einschneidendevolkswirtschaftliche Änderungen erzeugt, sie waren von so großen Münzverschlechterungenund Preissteigerungen begleitet, und es traten vom Schlüsse des Krieges an dann aber-mals solche Verschiebungen von Angebot und Nachfrage, folche Preisänderungen undWechselreitereien ein, daß eine jahrelange heftige Krisis und Geschästsstockung nicht aus-bleiben konnte. Hamburg hatte während des Krieges unerhörte Gewinne gemacht, seineGeschäftsthätigkeit hatte sich rapide ausgedehnt, die Zahl seiner Banksolien z. B. warvon 30009000 gestiegen; jetzt litt es 17631766 auch unter dem Rückschlag nebenAmsterdam am heftigsten, die Häuserpreise blieben bis 1777 rückgängige. Erst in denachtziger Jahren begann wieder der Aufschwung.

Die wirtschaftliche Epoche von 17751315 ist bedingt durch den amerikanischenUnabhängigkeitskrieg, die sranzösische Revolution und die daran sich knüpsenden Kriegeund Verschiebungen im Kolonialbesitz und Welthandel. Einzelne Staaten und Gegendenerleben einen ungeheuren Aufschwung, andere starken Niedergang und Stockung. Preußen ,Norddeutschland, Hamburg zeigen uns zuerst bis 1806 das Bild einer raschen Ent-wickelung: der Getreideexport steigt, die Güterpreise gehen rapid in die Höhe; allePreise stehen hoch, der Handel nimmt einen Aufschwung wie nie; Luxus und Speku-lation gedeihen. Freilich nicht, ohne daß es 1799 zu einer hestigen Stockung inHamburg kommt, die aber doch rasch vorübergeht und wieder einer Auswärtsbewegungbis 1806 Platz macht; von da an tritt für Deutschland mit den ungünstigen Kriegs-ereignissen der Rückgang ein, der auch nach dem Frieden sich kaum bessert, ja (wie wirschon sahen) in den zwanziger Jahren durch die reichen Ernten und den stockenden Roh-produktenabsatz zu einer hestigen landwirtschaftlichen Krise sich steigert. Großbritannien hat 1763 bis 17721773 wie der Kontinent eine Depression, erschöpft sich dann im ameri-kanischen Unabhängigkeitskriege vollständig, ist 1783 nach dem Frieden von Versailles sast bankerott, nur langsam weiß der jüngere Pitt es durch seine Zoll- und Kolonial-reform wieder zu heben. Dann kommen die napoleonischen Kriege, die neben allerleikleinen Handelsstockungen (z. B. 1793, 1799, 1802 und 1810» England einen seltenenAufschwung bringen, indem es ihm gelingt, den Handel und die Kolonien fast derganzen Welt an sich zu reißen; aber 1815 erzeugen die Rückkehr zum Frieden unddie damit gegebenen Änderungen eine längere Stockung. Auch Frankreich erlebt 1799,1804, 1810/11 erhebliche Krisen.

Schmoller, Grundriß der Volkswirtschaftslehre, II. 1,S. Aufl. 31