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Die innere Colonisation in Schleswig-Holstein vor hundert Jahren : Rede zum Antritt des Rektorates der Christian-Albrechts-Universität in Kiel am 5. März 1895 / von Wilhelm Seelig
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gewesen. Von dem Hoffelde wurden nun 1421 Tonnen in 52 Parzellenverkauft dergestalt, dass der Käufer etwa '/e des Kaufpreises sofort baarzu entrichten, den Rest mit 4 1 /2 U /o zu verzinsen hatte. Etwa die Hälfteder Parzellen wurde an Gutsuntergehörige, das Andere an Fremde ab-gegeben, Alles aber in freihändigem Verkauf. Die bisher vorhandenenHufen- und Kathenstellen wurden theilweise mit ihren Ländereien besserarrondirt, 8 Hufenstellen, deren Baulichkeiten ohnehin in schlechtem Zu-stande, ausgebaut in der Mitte des dazu gehörigen Landes. Statt derbisher vorhanden gewesenen 40 Familienstellen waren nach der Regulirungund Parzellirung deren 90 vorhanden.

In einer von dem Landinspektor O tte zu Schleswig herrührendenBeschreibung wird der zu erwartende Ertrag des Gutes auf 8957 Thlr.Courant berechnet, gegen das bis dahin gewonnene Pachtgeld von7000 Thlr. für den Gutsherrn ein nicht unbeträchtlicher Gewinn.

Diese Beispiele von Parzellirungen, die auf Privatgütern vor-genommen, mögen genügen.

Jene innere Colonisation, welche allein auf den königlichenDomänen ein Areal von mehr als 3'/ 2 Quadratmeilen in freies Eigenthumfür nahezu 800 Familien verwandelt, dazu mindestens eben so vielenbereits vorhandenen Familien die persönliche und wirthschaftlicheFreiheit verschafft hatte, war von den weittragendsten Folgen begleitet.Vor Allem von der, dass nun dem bis dahin hartnäckig festgehaltenenGlauben ein Ende gemacht war, als könne der Grossbetrieb der Land-wirtschaft nur vermittelst der Frohnarbeit aufrecht erhalten werden.Desshalb war ja, insbesondere in Dänemark, die Leibeigenschaft, mochtesie auch auf dem Papier aufgehoben sein, in Wirklichkeit bestehn ge-blieben und wurde auch in Schleswig-Holstein so lange festgehalten.Der jetzt erfolgte Umschwung der Anschauungen war aber nun dieUrsache, dass schon 1795, als Minister von Bernstorf die Aufhebungder Leibeigenschaft in Schleswig-Holstein beantragte, die Ritterschaftselbst sich dafür aussprach, nachdem schon vorher vielfach durch frei-williges Entgegenkommen der Gutsherren das Institut beseitigt worden.

Welche Verschwendung von wirthschaftlichen Kräften ganzabgesehn von allen sonstigen Schädlichkeiten mit dieser Institutionverbunden war, erhellt aus dem auf dem holsteinischen Gute Rixdorfim Jahre 1793 stattgehabten Vorgange. Zu diesem Gute gehörten 18dienstpflichtige Hufen, welche ursprünglich jede 2 Viergespanne und5 Menschen, also 144 Pferde und 90 Menschen in den Hofdienstschicken mussten.

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